Im dänischen Exil - "Svendborg 1937"

"Die Welt geht hier stiller unter", schreibt Bertolt Brecht aus der Emigration im dänischen Svendborg an Walter Benjamin. Er lebt bereits seit vier Jahren in der Hafenstadt auf Fünen, als die jüdische Familie Din­kelspiel im Sommer 1937 dort auf der Flucht aus Na­zi-Deutschland ankommt.

Der Roman "Svendborg 1937" erzählt, wie die siebzehn­jährige Tochter Meret und ihre zwei Jahre ältere Schwest­er Ricarda Dinkelspiel die neue Situation in der fremden Umgebung und als Untermieterinnen einer bigot­ten Tante erleben.

Wohin gehört man, wenn man nicht mehr da ist, wo man sich zugehörig gefühlt hat? Während Meret durch die Lektüre deutscher Klassiker Vertrautes zu bewahren, sich mit dem Erlernen der dänischen Sprache aber gleichzeitig auf das Fremde einzulassen versucht, wird für Ricarda der Plan, alsbald mit ihrem Freund nach Tel Aviv zu fliehen, wo beide im neu gegründeten Palestine Orchestra spielen wollen, zum Lebensanker.

 

Die Begegnung mit anderen Exilanten im Kopenhagener Emigrantenheim bedeutet eine befreiende Wendung im All­tag der Schwe­stern und ihrer Eltern. Eingeführt werden sie von einem Herrn Berendsohn (bei dem es sich offen­bar um den späteren Nestor der Exilliteraturforschung Walter Arthur Berendsohn handelt): „Meret hört Berend­sohn begierig zu, denn mit jedem seiner Sätze verstärkt sich in ihr das Gefühl, aufgenommen zu werden in eine feste Gemeinschaft, während sie sich seit Jahren immer nur als Ausgeschlossene empfunden hat. Bin ich diesem Mann denn ähnlich, fragt sie sich erstaunt, bin ich denn so wie all diese Menschen hier? Gehöre ich wirklich zu ihnen? Was bedeutet das?“

Die Schwe­stern lernen Ruth Berlau und Margarete Steffin kennen, die mit dem Exilanten Bertolt Brecht nicht nur ein Arbeitsverhältnis verbindet. Ricarda wird zur Berlau nach Kopenhagen ziehen, um ihr bei Theaterinsze­nierungen zu assistieren. Meret wird zur Vertrauten der kränkelnden Steffin, die zwischen Brecht-Verehrung und enttäuschter Liebe schwankt.

Behält der Roman zunächst überzeugend die Perspektive der jungen Meret bei, die alles Neue in einer gut aus­tarierten Spannung zwischen kindlichem Erlebnistaumel (am Strand, im Tivoli, beim Motorradfahren) und erwach­sener Reflektiertheit (über die Befindlichkeit der El­tern, Jüdischsein, Liebesbeziehungen) beschreibt, stellt sich im letzten Drittel das Ganze eher wie eine enzyklopädische Erzählung über Intellektuelle im Exil dar, vom „lieben Walter Benjamin“ über die Eisslers, Feuchtwanger, bis hin zu Fritz Bauer und Philipp Schei­demann. Man lernt viel, darf aber kaum noch einem Handlungsverlauf folgen, wodurch das unerwartete Ende umso unvermittelter über der Leserin hereinbricht.

Tanja Jeschke war Stipendiatin im "Brecht-Hus" in Svendborg, kennt den Schauplatz ihres Romans also sehr genau. Sie schreibt angenehm schnörkellos, klischee­frei, hebt gekonnt Details hervor, die atmosphärisch dicht das Innen und Außen ihrer Figuren aufscheinen lassen. Ein Weniger an referatartig einfließenden Hintergrundinformation zugunsten eines Mehr an Romanhandlung wäre für die Lektüre von „Svendborg 1937“ - die unbedingt auch jugendlichen Lesern und Leserinnen zu empfehlen ist - ergiebiger gewesen.

 

Tanja Jeschke: Svendborg 1937, Picus Verlag Wien 2022, 224 Seiten, geb., 24,00 €, (Erstauflage vom 24.August 2022)

 

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