"Brockmann lehrt, wie man" ... sich auf einem Casting erfährt

Die Agentur Eick hatte zu einem Casting für den Dortmunder „Tat­ort“ (ein bisschen auch für den aus Köln und Münster) gerufen und 1400 Castingwillige kamen.

Auch ich stand gestern Vormittag ab halb elf vor dem Dortmunder Kino „Schauburg“ und wartete darauf, gecastet zu werden. Ich dachte, so et­was muss man einfach mal gemacht haben. Außerdem gehöre ich seit Jahrzehnten zur Gemeinde der „Tatort“-Kuk­ker.

Bei -5 °C stellte ich mich zu einem Grüppchen, das unter einer Überdachung Schutz vor Wind und Schneedauerberieselung ge­funden hatte. Eine gute Wahl, denn ich war unter Castingerfahrene geraten. Die Herren im Frührentneralter berichteten lebhaft von Er­lebnissen beim Dreh, Teilnahmen an Sendungen der „Aktuellen Stunde“ oder Einladungen zu Schlagerfestivalaufnahmen, bei de­nen sie Gaby Baginsky beklatschen mussten. Der Wortführer hatte auch schon mal bei einem „Tatort“ mitgemacht, allerdings sei er in einer Szene vorgekommen, die nachts spielt. „Das kann ja jeder be­haupten“, sag­te ich lachend. Darauf die Gattin: „Nee, dat stimmt. Ich kann dat bezeugen. Ich war dabei.“ Gottseidank sagte auch sie das la­chend.

Ein anderer schwärmte von Filmaufnahmen im Schloss Bensberg im letzten Herbst, wo er mit seinem Idol Ma­rio Adorf gedreht hatte: Er musste aus dem Fahrstuhl kommen, an Ad­orf vorbei zur Bar ge­hen und „Ich hätte gerne eine Cola“ sagen. Das Ganze drei­ßigmal hintereinander, denn entweder hatte das Licht nicht gestimmt, war einer durchs Bild gelaufen, musste nach­geschminkt werden oder es hatte irgendein Apparat gebrummt. „Aber es war ganz toll!“, sagte mein Warteschlangen­nachbar und machte mir, die ich ja nur zum Spaß hier war, Appetit: Ja, auch ich würde gerne mal im Schloss Bensberg drehen, am liebsten als schmausende Statistin im Gour­metrestaurant Vendôme. Ach wär das schön.

 

Dann war es elf Uhr. Die Kinotür wurde geöffnet, die Masse strebte zum Eingang – und stockte. Womit wohl niemand gerechnet hatte: Es gab immer nur Einlass für eine Handvoll Leute. Der Rest musste derweil draußen warten. Die Schneedauerberieselung nahm darauf keine Rücksicht und machte fröhlich weiter. Ich steckte inmitten der Menge, neben mir „Mario Adorf“ und ein junges Paar, das aus Moers angereist war. Wir hielten uns mit leichter Plauderei bei Laune. Zwischendurch machten kleine Stapel Anmeldebögen die Runde. Alle dachten, wenn ich einen davon erwische, bin ich hier gleich wech! Doch auch in diesem Punkt hatten wir falsch gerech­net. Her­eingelassen wurden immer nur die, die vorne standen. So­bald das geschah, ging jeweils ein solcher Schub durch die Masse, dass mir als­bald kein Beispiel mehr einfiel, wo ich schon mal so dicht ge­drängt mit wildfremden Menschen zusammen gestanden hatte. Dann sagte hin­ter mir einer: „Dat is ja schlimma, wie wennse ins Stadion willst.“

 

Nach einer Stunde war der jungen Dame aus Moers schlecht. Sie ging und wollte sich später nochmal anstellen. Auch vier junge Leute in mittlerweile völlig durchgeweichten Leinenturnschuhen suchten das Weite. Des einen Leid ist des anderen Freud – fünf Drängler weniger. So denkt die Masse. „Mario Adorf“ sagte: „Un­glaublich, was die hier mit uns machen. In Bensberg wurden wir alle hereingebeten, es gab Tee, man konnte sich ins Warme setzen. Da wurden wir wie Menschen behandelt.“ Der Student aus Moers und ich pflichteten bei, dass auch wir das hier nicht menschen­freundlich fänden. „Adorf“ sagte: „Und Unkosten erstatten sie auch nicht mal!“ Gleichwohl beschlossen wir, bis zum Ende durchzuhalt­en. Wer so lange ausharrt, will auch wissen, wie es aus­geht.

 

Irgendwann rief Gregor Weber von der Casting-Agentur in die Menge, das hier sei eine gute Übung. Er habe mal einen ganztägi­gen Dreh im Westfalenstadion gehabt, wo alle bei 10 Grad im T-S­hirt gestanden haben, weil die Szene im Sommer spielte, es aber nicht Sommer war. – Da befürchtete ich, die Masse könnte zur Meute mutieren, die mit ausgestreckten Armen skandiert: „Wir wolln rein! Wir wolln rein!“ Doch der Webersche Zuruf wurde freundlich lachend beantwortet. Man wollte ja schließlich gecastet werden.

Zum Phänomen „Masse“ sind mir noch zwei weitere Sonderbarkei­ten aufgefallen. Erstens, je näher sie dem Ziel kommt, um so höher wird der Schub von allen Seiten – selbst dann, wenn alle wissen, dass sich vorne die Tür erst wieder nach ca. 7 Minuten öffnet. Ich hätte gedacht, der Druck wäre immer in den hinteren Reihen am größten, nicht bei denen die schon so nah am Ziel sind. Zweitens bleibt mir unerklärlich, wie es einigen gelingt, bei allerminimalster Bewegungsmöglichkeit ihren Standort innerhalb der Masse deut­lich zu verbessern. Einige Mitstreiter, die ich seitlich hinter mir im Blick gehabt hatte, tauchten urplötzlich vor mir auf – ganz ohne Schlägerei, Zauberei (?), und geflogen waren sie auch nicht (das hätte ich gesehen!).

 

Nach anderthalb Stunden waren wir durchnässt und zersauselt im Kinofoyer angekommen. Ab da ging alles schnell. Aufteilung zur rechten und linken Treppe eines verdunkelten Vorführraums. Unter­wegs den Anmeldebogen abgeben, Alter angeben und ein DIN-A-4-Blatt mit fortlaufender Nummer entgegennehmen, auf dem man in großen Ziffern sein Alter notiert bekam. Vorne auf der Bühne im Scheinwerferlicht zwei Fotografinnen und ein Fotograf vor drei Stühlen, auf denen die Castingwilligen Platz nahmen, das DIN-A-4-Blatt vor sich halten mussten wie bei einer Strafgefangenenregis­trierung und einmal geknipst wurden. Brillenträger hatten – selten genug – einen Vorteil: Von ihnen wurden zwei Fotos gemacht: Ein­mal mit, einmal ohne.

 

Auch wenn man nicht mit Filmstarambitionen hierhergekommen war, spätestens vor dem Bühnenaufgang hatte die meisten ihre Ei­telkeit eingeholt. Wahrscheinlich waren wir davon ausgegangen, dass wir uns, kurz bevor es ernst wird, noch ein wenig frisch ma­chen könnten, gar professionelle Hilfe bereit stünde, einem ordent­lich durchs Haar zu fahren oder das Näschen zu pudern. Weit ge­fehlt. Egal. Wir waren bis hierhin gekommen. Wir würden das Ding jetzt auch zu Ende bringen. So oder so.

Dann saß ich auf der Bühne und hatte eine kleine Selbstbehaup­tungsübung: Die Fotografin bat mich, meinen Mantel auszuziehen. Sie konnte nicht wissen, dass ich heute zwar die falschen Stiefel (die feinen grünen ungefütterten aus Wildleder), dafür aber den richtigen Pullover (den dicken wollenen) trug, der mich draußen in der Kälte herrlich gewärmt hatte, in dem ich aber – zumal auf ei­nem Brustbild – wie ein Michelin-Männchen aussehe. Als solches wollte ich auf keinen Fall in die Kartei. Wenn Haare und Teint schon verpeilt aussahen, sollte wenigstens mein schöner „Feuer­wehrmantel“ einen guten Eindruck hinterlassen. Ich durfte ihn an­behalten. Dankeschön.

Ja, und dann ging es runter von der Bühne, das DIN-A-4-Blatt musste in eine blaue Tonne gekloppt werden, dafür erhielt man einen kleinen Zettel, auf dem die Agentur mitteilt, „schön, dass wir Dich bei unserem Casting persönlich kennen lernen durften."

 

Liebe Agentur Eick, Du hast mich nicht danach gefragt, deshalb sage ich es Dir nun auf diesem Weg. Du könntest mich vormerken für eine schöne Schrebergarten-, Warte­zimmer-, Beerdigungs- oder Büdchenszene. Sehr gut könnte ich auch mitwirken als Zahnarztpa­tientin bei einer Wurzelspitzenbehandlung unter zu niedri­ger Be­täubung oder, nach dem gestrigen Verkältungstraining, in ei­ner Se­quenz mit schwerst grippal Infizierten. Liebe Grüße, Deine Doris (oder sagt man bei Euch „Tschüssi“?)

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Britta (Dienstag, 26 Februar 2013 20:39)

    Ok. Ich widerrufe meine Antwort von vorhin und behaupte das Gegenteil. Doch gut, dass ich nicht mit konnte. Auch wenn ein feiner Blogeintrag rausgesprungen wäre. Schön, dass Du das für uns auf Dich genommen hat. Aber - wenn demnächst wieder zur Tea-Time in Bensberg gecastet wird, dann komm ich mit.

Never forget lesson no. 1
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