"Brockmann lehrt, wie man" ... sich verfährt

Ja, wir leben in schnellen Zeiten. Und es scheint, sie werden immer schneller. Um das ein wenig verstehen zu können, hat uns Paul Vi­rilio den schönen Ausdruck „Dromologie“ geschenkt. Mithilfe die­ses Begriffs, der nicht so sehr mit Dromedaren als vielmehr mit Rennbahnen zu tun hat, können wir erkennen, dass nicht allein Macht, Geld, Klassen, Religionen und sonstwas gesellschaftliche und historische Prozesse vorantreiben, sondern auch und gerade: die Geschwindigkeit.

Im Zuge der allgemeinen Geschwindigkeitsverbreitung ist es zu et­was völlig Normalem geworden, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen und dies auch zu wollen. Was ist dabei auf der Strecke geblieben? Genau: die schöne Kunst des Sich-Verfahrens. Aber keine Angst, die kann man lernen.


Erste Maßnahme: Entfernung eines Navigationsgerätes. Es stimmt, auch mit einem Navigationsgerät lässt sich vortrefflich in die Irre fahren – nur leider nicht immer. Es ist kein Verlass darauf. Die Trefferquote entspricht ungefähr der beim russisch Roulet­te.


Zweite Maßnahme: Auch Karten und Atlanten sollten Sie aus dem Fahrzeug verbannen. Es sei denn, Sie sind ein miserabler Kartenle­ser. In diesem Fall kann das bunt bedruckte Papier im Fahrzeug verbleiben und bei Bedarf hervorgeholt werden, um den Vorgang des Sich-Ver­fahrens ein wenig zu optimieren.


Dritte Maßnahme: Denken Sie während der Fahrt an alles Mögli­che, nur nicht an Ihr B. Es genügt zu wissen, dass es irgendwo exis­tiert. Also werden Sie es auch finden. Vielleicht wird gar das B Sie finden. Das sind dann die ganz besonderen Momente beim Sich-Verfahren: Sie irren und irren in der Gegend herum, und plötzlich ist B da! Es ist gewiss nicht übertrieben, das, was sich in solchen Momenten einstellt, mit dem ansonsten sehr sparsam zu verwen­denden Ausdruck „Glück“ zu bezeichnen.



Was gewinnt, wer sich in der Kunst des Sich-Verfahrens übt?


Zunächst einmal das gute Gefühl, gegen „den Rest der Welt“ zu stehen. Wo gibbet dat heute noch? „Gegen die Strömung und gegen den Wind“ …


Zweitens, die Möglichkeit, ganz neue Orte zu entdecken, Plätze, Straßen, Büdchen, die man noch nie im Leben gesehen hat, von de­nen man nicht mal wusste, dass es sie gibt.


Drittens, die Chance, Menschen kennenzulernen, von denen man ebenfalls nicht wusste, dass es sie gibt. Wer sich verfährt, kommt irgendwann immer in die Situation, den Fremden am Wegesrand anzusprechen. Da kann es passieren, dass der Fremde sagt: „Hey, komm her und mach mit. Wir Bewohner von Villabajo haben eine supertolle Paellapfanne. Hier, nimm mal die Stahlwolle und sieh zu, wie blitzblank der Pfannenboden sein kann. Lass dich dabei nicht vom Geplärr der Bewohner von Villarriba nerven. Die ticken nicht richtig.“ –

Gar nicht so selten kommt es vor, dass auf diesem Wege Freund­schaften für´s Leben geschlossen wurden, gar Ehen.

Also wenn das kein Grund für fröhliches Sich-Verfahren ist, dann weiß ich es auch nicht …

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    wiycc (Donnerstag, 11 Oktober 2012 01:23)

    Herrlicher Text! (rofl)

  • #2

    Der Kartenleser (Samstag, 13 Oktober 2012 13:21)

    einige wertvolle Tipps, die schon umgesetzt werden. Zur "zweiten Maßnahme":

    "Geradezu entsetzt" sind die Stauberater über das unzureichende Kartenmaterial der Autofahrer. "Ein Mann bat an der Raststätte Lichtendorf auf der A 1 bei Schwerte einen Stauberater um Hilfe. Er war auf dem Weg von Hamburg nach Mailand, als Karte diente ihm ein Europaüberblick im Taschenkalender. In Schwerte wußte er dann nicht mehr weiter"... (Zitat aus dem Zeitungsartikel: "Hamburger strandete ohne Karte in Schwerte").

  • #3

    Der Filmseher (Samstag, 13 Oktober 2012 14:00)

    ... in diesem Zusammenhang auf jeden Fall noch mal "Theo gegen den Rest der Welt" (1980) ansehen:
    Während einer nächtlichen Fahrt auf der Jagd nach ihrem VOLVO irren Theo Gromberg, geleitet durch das Europakärtchen in seinem Taschenkalender, Enno Goldini und Ines Röggeli von Lüttich in Richtung Marseille: "Und nach Marseille sind es nur 12 Millimeter!"

  • #4

    walk-the-line (Samstag, 13 Oktober 2012 14:42)

    Liebe(r)wiycc, Kartenleser und Filmseher,
    freue mich, dass das Verfahren so viel in Bewegung gebracht hat!

Never forget lesson no. 1
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