Her mit ein paar neuen Kriterien!

So vieles anders bei den diesjährigen "Tagen der deutschsprachigen Literatur" (TddL): kaum Publikum vor Ort, geschweige denn Autor*innen, stattdessen Schaufensterpuppen, Trödel und ein Kommentato*innen-Dreigestirn im Studio, die Jury "unter Hausarrest". Wie wirkt sich das auf die Urteilsfindung aus?

2008 trat die »Zentrale In­telligenz Agentur« mit dem Projekt einer  "Auto­matischen Literaturkritik" (AK) auf den Plan. Um die Leistungen beim Bachmannwettbewerb jenseits von subjektiven Geschmacksurteilen zu bewerten, wurde ein ebenso lustiger wie ernstzuneh­mender Kriterienkatalog entwickelt, der in den darauffolgenden Jahren von der TddL-Community erweitert wurde, gegenwärtig aber ein wenig im Dornröschenschlaf liegt, in dem er nur ab und an gestört wird, wenn das synchrone Mithören und -diskutieren in den sozialen Medien während des laufenden Wettbewerbs im vollen Gang ist.

Dieser Kriterienkatalog ahndet beispielsweise in der Kategorie "Autorenporträt" u.a. "Beschriebene Sei­ten werden zerknüllt und/oder weggeworfen", "Versonnen Holz bzw. Pflanzen anfassen", "Den Leuten im Kaffeehaus zuhören, um sich inspirieren zu lassen", in der Kategorie "Inhalt" Erklärbärigkeiten im Stil von "Auch dein Vater, der wohlhabende Kommerzienrat, dessen - wie du weißt - einzige Tochter du bist, ..." mit je einem Minuspunkt.

Pluspunkte hingegen gibt es beim "Inhalt" zum Beispiel für "Fahrräder sind Fahrräder und keine Metaphern" oder für "positiv besetzte/unneurotische Mutterrollen", "Du-Erzähler", "Natur findet nicht statt" oder das "Vorkommen von Nagetieren", "plastische Chirurgie" oder "Schusswaffengebrauch (2 Punkte bei automatischen Waffen").

 

Bei den TddL 2020 sind vor allem neu: die Form der Präsentation der Texte und der Jury. Da sollten wir uns Gedanken machen, welche Kriterien hier zur Leistungsbeurteilung angelegt werden können, zumal es neben den Autor*innenpreisen ja auch noch einen (semioffiziellen) Preis für die beste Jurorin bzw. den besten Juror gibt.

 

Aus dem vorhandenen Kriterienkatalog können wir zunächst mal den "Karl-Gustav-Ruch-Punkt für uncoole Einrichtungsgegenstände (Hometrainer, Brotbackautomat)" übernehmen. Und schnell ergänzen wir:

  • JM (Jurymitglied) präsentiert sich vor Bücherregal (-2), hat sich die Aufnahmegeräte ins Schlafzimmer (+2), ins Badezimmer (+3) oder ins Spielzimmer (+1) bringen lassen.
  • Mitbewohner*in von JM betritt währernd der Aufnahme den Raum: JM komplimentiert (-1), scheucht (-2) sie/ihn heraus, fragt, was los sei (+1), verlässt mit ihm/ihr das Zimmer, weil im Moment nichts wichtiger ist als das.
  • Im Hintergrund brennt alles nieder, bricht alles zusammen, platzt gerade das Wasserrohr, das JM jedoch diskutiert ungerührt weiter, weil im Moment nichts wichtiger ist als das.
  • Das gezeigte Zimmer gehört gar nicht dem JM bzw. der/dem A (Autorin/Autor), sondern einem stark parfümierten Fremden (+2).
  • Das JM geht während der Diskussion zum Bücherregal und hält rechthaberisch Lexikonartikel in die Kamera: "Hab ich's gesagt? Hab ich's gesagt? Wer hat jetzt recht??" (-2--3, je nach Grad der Gesichtsröte).
  • JM bzw. A schläft zwischendurch ein (+1).
  • JM bzw. A tauscht sich zwischenzeitlich gegen einen Freund/eine Freundin der Familie aus (0 Punkte, wenn es auffällt, +2, wenn es nicht auffällt).
  • Oben feinster Herren- bzw. Damenausstatter, unten Füße in Wasserwanne, erdverkrusteten Gummistiefeln, im Mund von irgendwem, auf Massageroller, freischwingend im Loch im Fußboden, ...

 

Die Punkteliste ist ebenso veränder-/erweiterbar wie der Kriterienkatalog.

Also dann los. Jetzt noch ein bisschen Zeit vertreiben mit sinnvollen Tun beim "Warten aufs Christkind", bevor die Spiele am Mittwochabend, den 17.Juni, 19:03, eröffnet werden.

 

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