Claudius Seidl über die Rede von der "jüdisch-christlichen Tradition"

Claudius Seidl hat etwas gegen Horst Seehofer, Alexander Dobrindt, Angela Merkel. Seehofer, Dobrindt und Merkel sprechen neuerdings von der "jüdisch-christlichen Tradition". Also muss Herr Seidl die Zulässigkeit dieses Sprechens irgendwie infrage stellen.

In der Frankfurter Sonntagszeitung vom 1. April 2018 tut er das. Und baut dabei ein so schiefwinkliges Argumentationshäuschen, dass man sich zeitweise fragen kann, ob der u.a. für seine grandiosen Kinofilm-Rezensionen bekannte Autor hier eine eigene Art von Aprilscherz erzählt. Nein, tut er nicht.

Man erkennt die Absicht und bedauert, wie der Gegenstand entsprechend hingebogen wird:

"Wenn ein Mensch zum anderen sagt: 'Du gehörst zu mir'", beschreibe dieser Satz "mehr einen Wunsch als eine Wirklichkeit; er bekundet eine Absicht". Seit wann ist der Indikativ ein Konjunktiv? Müsste besagter Mensch, so er einen Wunsch oder eine Absicht äußern wollte, nicht eher sagen: "Ich möchte, dass Du zu mir gehörst./Es wäre schön, wenn Du zu mir gehörtest und dafür will ich alles tun."

Es folgen Variationen, was gemeint sein könnte, wenn heute von "jüdisch-christlicher Tradition" gesprochen wird, Variationen, die deren unheilvolle historische Höhepunkte (Kreuzzüge, korruptes Christentum, Antisemitismus, Holocaust) aufzeigen. Wir erfahren dabei sogar folgendes: "In dem hübschen kleinen Städtchen Weilheim, wo Alexander Dobrindt seinen Wahlkreis hat, gab es, wie die Chroniken berichten, im frühen Mittelalter eine jüdische Gemeinde. Nach dem Pestjahr 1349 lebte dort kein einziger Jude mehr." Darf Herr Dobrindt deshalb den Ausdruck "jüdisch-christliche Tradition" nicht in den Mund nehmen?

Dürfen wir, weil unter den Etiketten "Sozialismus", "Demokratie", "Freiheit", "Gerechtigkeit" etc. (auch) viel Elend und Schrecken verbreitet wurden, diese Begriffe nicht mehr verwenden?

Als ich Ende der siebziger Jahre begann, Theologie zu studieren, war es für mich und einen Großteil meiner KollegInnen durchaus nicht vertraut, dass die progressiven Lehrenden sowohl im katholischen als auch evangelischen Fachbereich konsequent den Ausdruck "jüdisch-christliche Tradition" gebrauchten. Sie taten dies nicht nur aus Gründen theologischer Folgerichtigkeit einer angemessenen Rede vom Christlichen, die um ihre jüdischen Wurzeln weiß, sondern auch im Bewusstsein einer erst wenige Jahrzehnte zurückliegenden gesellschaftlichen Wirklichkeit (inkl. ihres christlich-theologischen "Überbaus"), die auf die Eliminierung alles Jüdischen abzielte. Dies kritisch wach zu halten, dafür stand der Ausdruck "jüdisch-christliche Tradition".

Wenn in Zeiten, in denen antisemitische Vergehen zunehmen, PolitikerInnen (zumal mit christlichem Bekenntnisanspruch) darauf hinweisen, dass jüdische Traditionen zu Deutschland gehören (im Indikativ!), dann kann ich darin keine "Flucht vor der Glaubensverbindlichkeit ins allgemein Menschliche und Abendländische" erkennen sondern eher eine Ansage, die sich geschichtssensibel gegen den alten Antisemitismus und grenzmarkierend gegen den aktuellen Antisemitismus positioniert.

Fragwürdig ist doch nicht das Bekenntnis zu der vorhandenen Tradition, sondern deren Leugnung, oder?

 

PS: "Der Christ, der aus seiner Kirche austritt und sein Glaubensbekenntnis widerruft, hört auf, ein Christ zu sein. Der Jude, der getauft ist, ist ein getaufter Jude." Der aus der Kirche ausgetretene Christ, lieber Herr Seidl, ist aus der Kirche ausgetreten, nicht aus der Christengemeinschaft. Die Taufe ist irreversibel. Die katholische Tradition sieht das ein wenig strenger als die evangelische. Gleichwohl.

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