OuLiPo - "WILD"

Zum "Welttag der Poesie" eine kleine Verbeugung vor der OuLiPo-Autorenvereinigung ("L' Ouvroir de Littérature Potentielle" =„Werkstatt für Potentielle Literatur“). Sie fasst und zelebriert den "formalen Zwang" als literarisches Gestatungsprinzip.

Formenzwang nicht als Einschränkung, sondern als Ermöglichung von etwas Neuem. Legendär George Perecs Roman "La disparition" (1969), ein stimmiger Erzähltext ohne Verwendung des Vokals "E", und auch die Umkehrung, ein Roman, in dem einzig das "E" als Vokal vorkommt ("Les Revenentes", 1972). Ein anderer "Formzwang" ist durch die sogenannte "S+7-Methode"vorgegeben: Jedes Substantiv in einem Text wird durch das siebte, das ihm im Lexikon folgt, ersetzt. Oulipoten verwalten nicht einen Regelkanon, sondern erfinden immer wieder neue "formale Zwänge" für das künstlerische Experiment. Die spielerische Seite des Ganzen hat dabei stets einen hohen Stellenwert.

 

Mein Text "WILD" folgt einer Regelvorgabe, die die geneigte Lesegemeinde gewiss ganz leicht herausfindet. Oder?

Wünsche Spaß bei der Lektüre und dem kleinen Detektivspiel! Anschließend dann her mit den Lösungen!

 

 

WILD

 

Wir imitierten Liebe, die wahr ist. Liebe, die wohlbehaglich ist, lasten­ausgleichend, dauerhaft.

 

Wer idealtypisch liebt, darf Wagnisse ignorie­ren, Luft­gitarren-Nummern darbieten. Wer idealtypisch liebt, darf wan­dern inmitten lichter Dünenlandschaften, windgeschützt, immunge­stärkt, lebensfroh. Die Welt idiotensicher lattenzaunumfriedet. Die Welt im Leitz-Ordner. Der wird im Lehnstuhl durchgelesen, wollüstig, in­brünstig, leidenschaftlich, distanz­los.

 

Wollen idealtypisch Liebende das?

 

Wanda inserierte Löwenzahnwiesen. Damian war Imker, lobte die

 

Wiesen, irrlichterte lange durch Wandas Innenwelt, legte der Winzer­tochter irgendwann leuchtende Dosen Wiesenhonigs ins Lärchenholzre­gal, dekla­mierte witzige Imkerlieder, lausbubenartig. Das wirkte. „Ich“, ließ die Winzertochter ihren lustigen Damian wissen, „ich liebe dich.“

 

Worte in laszivem Dur, wellenreitend in latenten Dringlichkeitsanfra­gen. Wie improvisiertes Lerchengezwitscher, dachte widerstrebend irri­tiert lovely Damian.

 

Wohnzimmerglück ist Leisetreters Damoklesschwert.

 

„Wanda, ich liebe dich, wölfisch, ich liebe dich, wie Immen lieben, dröh­nend, wahnsinnig, irrsinnig, lebensmüde, doch ...“

 

„Wenn ich liebe, Damian, widerspreche ich lumpigen Dochs. Wägen ist lau, du Wolf, ich liebe dich, wie Immen lieben, dröhnend, wahnsinnig, irrsinnig, leidenschaftlich.“

 

Das wurde ihm letztlich dann wohl irgend­wie leider doch waghalsig. Immer leidet das Wollen. Immer leidet die Wollust. Immer lyncht der Wankelmut.

 

Ist Liebenden das Wagnis inkommod, limonadig, Drangsal? Will innige Liebe Dauer?

 

Wortgewaltig inszeniert Liebe Draufgängertum, wandert indes lautlos davon, wenn Innigkeit Leidenschaft desillusioniert.

 

Was ist Leidenschaft? Da werden idealtypisch Liebende Drückeberger, wollen in lauwarmem Dasein wohlige Idylle, lammfrommes Dideldum­dei.

 

Wir imitierten Liebe, die wolldeckenweich in Liegestühlen dämmert, warmherzig ist, lauschig, diskret. Wir interpretierten Liebe drucksend, wahrten im Lippenbekenntnis Distanz, wollten im Leben Durchsichtig­keit.

 

Wechselbäder irritieren lauschiges Dasein, waschen innige Liebe dauer­haft weg. Ihr lauert dennoch. Wollt im Liebesleben Drall.

 

 

 

 

 

 

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