Das ist doch ein Roman

 Man muss sich Thomas Glavinic als einen Dealer vorstellen: Er baut und veräußert Authentizitätsfiktionen, deren halluzinogene Wirkung uns glau­ben macht, wir wüssten nach dem Konsum seiner Romane, wer und wie ihr Verfasser ist.

Ein Stoff von höchster Reinheit ist der 2007 erschienene Roman „Das bin doch ich“. Die Hauptfigur ist ein österreichischer Schriftsteller namens Thomas Glavinic, der soeben seinen Roman „Die Arbeit der Nacht“ fertig gestellt hat und nun auf eine Verlagszusage war­tet. Die Wartezeit verbringt er mit Besuchen von Literaturveranstaltun­gen, Computerspielen, Spaziergängen mit dem anderthalbjährigen Sohn Stani, Alkoholexzessen, Familientreffen, Simsen und Selbstbeschreibun­gen zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitsge­fühl. Der Autor Tho­mas Glavinic be­schreibt die Romanfi­gur Thomas Glavinic als Ebenbild seiner selbst, prä­sentiert sie zudem als Ich-Er­zähler und nasführt seine LeserInnen, indem er sire­nengesangsartig ihr voyeristisches Interesse weckt, ihr Bedürfnis, dem Künstler nah zu sein, obwohl hinlänglich bekannt sein dürfte: Das ist doch kein Tage­buch, keine Autobiographie: Es ist ein Roman.

 

In dem vor einem Monat erschienenen Roman „Der Jonas-Komplex“ verflicht Thomas Glavinic drei Handlungsstränge: den um einen namen­losen Wiener Schriftsteller, der in der ersten Person Präsens sein Jahr 2015 erzählt, den um einen dreizehnjärhigen Jungen in der Weststeier­mark, der in der ersten Person Präsens sein Jahr 1985 erzählt, und den um den Multimillionär Jonas, der bereits in drei vorherigen Gla­vinic-Romanen – „Die Arbeit der Nacht“ (2006), „Das Leben der Wünsche“ (2009), „Das größere Wunder“ (2013) – Hauptfigur war und von dessen Erfahrungen eines (nicht genau datierten) Jahres in der dritten Person Imperfekt erzählt wird. Ähnlichkeiten zwischen den drei Protagonisten und ihrem geistigen Urhe­ber gibt es zuhauf. Die Gefährdung der LeserInnen, das Ganze als biographisches Schreiben misszuverstehen, wird noch dadurch erhöht, dass das Roman­projekt durch ein Tagebuch-2015-Stipendium gefördert wurde.

 

Um viel Sex & Drugs & ein wenig Rock'n'Roll ("Lemmy Kilmister ist tot. Ich beneide Musiker so sehr um ihre Fähigkeit, Menschen Freude zu schenken. Ein Schriftsteller schenkt nur Verwirrung.") geht es im Jahr 2015, das der Wiener Schriftsteller notiert. Seine Lust auf Sex wird allenfalls noch getoppt vom Verlangen nach Kokain, Beruhigungsmitteln und Alkohol. Es wird so kolossal gekokst, dass man allein beim Lesen Nasenbluten und Herzrhythmusstörungen bekommt. Glavinic vermag das so eindrücklich zu schildern, dass ihm selbst professionelle Kritiker in die Falle gehen: Felicitas von Lovenberg sagt in ihrer Besprechung des Romans, sie könne angesichts dieses Drogenkonsums von Thomas Glavinic "einen gewissen Zustand der Besorgtheit nicht verhehlen", und Ijoma Mangold und Johannes Wills pflichten ihr nicht minder besorgt bei. Auch Patrick Schlereth meint in seiner Rezension zu "Der Judas-Komplex" dem "echten Glavinic" raten zu müssen, "die Finger von den Drogen zu lassen". Was, zum Himmel, soll, will, kann Literaturkritik?

 

Wie Glavinic die drei Handlungsstränge nicht einfach nebeneinander herlaufen lässt, sondern im Einzelnen miteinander verzahnt, ist kompositorisch glänzend gemacht. Man könnte wahrscheinlich einige Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten darauf verwenden, all diese Querverbindungen (im Großen wie im Kleinen) herauszufiltern und einzuordnen. Querverbindungen bzw. Parallelen, wie beispielsweise, dass Jonas´ große Liebe "Marie" heißt und der dreizehnjährige Junge ein Mädchen anhimmelt, das "M." heißt, oder die vielbeschriebene Reiselust des Schriftstellers und auch Jonas´, insbesondere ihren Bezug zur Antarktis, oder die Tatsache, dass eine zentrale Person in beider Leben ein Anwalt ist, oder dass sowohl für den Jungen als auch für den Schriftsteller gilt: "Ich brauche Alleinsein. Ich ertrage keine Menschenlawinen", oder dass ihnen die Leidenschaft für das Schachspiel, die Freude am Schnee (dem Niederschlag!) und bestimmte Vorstellungen von Gespenstern gemeinsam sind, oder dass alle drei keine alltagstauglichen, meist abwesenden Väter und unterschiedliche Ersatzmütter haben, etc.

 

Bevor sich die vorliegende Besprechung selbst noch am Ende zu einer kleinen Seminararbeit hin mäandert, mache ich jetzt lieber einen Punkt  (aber es gäbe doch noch so viel - jaja, aber man muss auch mal fertig werden - könnte man nicht einfach noch einen 2. Teil, später - ach, ich weiß nicht, ist noch genug anderes zu tun - hm ...). Der dreizehnjährige Junge aus der Weststeiermark führt eine Rangliste, auf der er Plus- und Minuspunkte für das Wohl- oder Fehlverhalten von Menschen vergibt. Manchmal, wenn es besonders wichtig ist oder eng wird, verspricht er auch Gott eine ziemliche Menge an Punkten, wenn dieser ihm hilft. Ich würde 1000, ach sagen wir, 10000 Punkte an Gott vergeben, wenn er dafür sorgt, das Thomas Glavinic noch lange viele dicke Romane schreibt.

 

(Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex, Frankfurt am Main: S. Fischer 2016)

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Rudolf Weiler (Mittwoch, 27 April 2016 11:25)

    Blogger an Bloggerin! Feedback für Blogs ist leider so selten. Auch ich bin Glavinic-Fan und habe über das neue Buch einen Post geschrieben (www.nestputzer.ch). Aber Ihrer gefällt mir besser. Grüsschen aus der helvetischen Schweiz, Rudy (*1948).

  • #2

    Doris Brockmann (Mittwoch, 27 April 2016 12:24)

    Was für ein nettes Kompliment. Vielen Dank!
    Habe gerade auch bei Ihnen reingeschaut und teile Ihre Ansicht, dass die "Weststeiermark"-Passagen um den dreizehnjährigen Jungen wirklich sehr gut sind: Intensive Beschreibungen ohne Larmoyanz. Fast hätte ich auf den Jonas-Handlungsstrang ganz verzichten können.
    Hm, es gäbe tatsächlich noch eine Menge zu meiner Besprechung nachzutragen.
    Herzliche Grüße in die Schweiz!
    DB

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