"1000 Tode schreiben"

Im Dezember 2014 startete die Berliner Verlegerin Christiane Frohmann das E-Book-Projekt "Tausend Tode schreiben".

Das Konzept ist: Es sollen 1000 Texte (jeweils bis zu 3000 Zeichen) geschrieben und gesammelt werden, in denen es um den Tod bzw. Erfahrungen mit dem Tod geht. Keine theoretischen Abhandlungen sind gefordert, sondern persönliche Sichtweisen. Die Textsorte kann frei gewählt werden: Brief, Gedicht, Kurzgeschichte, Tagebucheintrag, etc. - und die Sprache übrigens auch, es finden sich in der Sammlung einige (wenige) fremdsprachliche Texte.

Die Grundidee des Ganzen ist, dass alle Beiträger "zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der

 

 

 

Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist."

Zum Kreis der Mitwirkenden gehören zu einem großen Teil Menschen, die beruflich mit dem Schreiben zu tun haben, aber das ist keine Zugangsvoraussetzung. Das Projekt ist offen für jede und jeden: Jede und jeden geht der Tod an.

Auf dem Weg bis zum 1000. Text gibt es Stadien, genauer verschiedene Versionen mit stetig wachsendem Textumfang. Die letzte Version stammt vom 13.03.2015 mit insgesamt 350 Beiträgen. Für den 23.11.2015 ist eine neue Aktualisierung geplant.

Wer das E-Book kauft, kann spätere Versionen kostenlos nachladen.

Da die Autoren und Autorinnen sowie die Verlegerin honorarfrei arbeiten, gehen sämtliche Gewinne aus dem Verkauf von "1000 Tode" an das Kinderhospiz "Sonnenhof" in Berlin-Pankow.


Der Text, den ich für Sammlung geschrieben habe, wird in der kommenden Version Ende November erscheinen. Er kann hier bereits gelesen werden.

Der große Platz

Wir waren unsterblich. Immer. Immer wenn wir nach den Schularbeiten nach draußen liefen, uns auf dem großen Platz trafen. Der große Platz war ein verwildertes Grundstück, das niemandem gehörte, also uns. Es lag auf der Rückseite des Häuserblocks, in dem die meisten von uns wohnten. Je­derzeit hätte eine der Mütter uns vom Küchenfenster aus beobachten kön­nen. Doch das tat keine.

Wir waren frei. Taten, was wir wollten. Wir bauten eine Hütte aus dem Schutt, der auf dem großen Platz abgeladen worden war. Darin bunkerten wir Dinge, be­spra­chen Vorhaben, rauchten, schrieben Arsch und ficken, Scheiß­schule und sowas an die Bretterwände. Wir machten Würfelspiele und Wetten, bei denen wer wen küssen musste, Mutproben halt. Wenn die Kinder von der Leostraße anrückten und den großen Platz erobern wollten, holten wir unsere Steinschleudern raus, die Plättchenpistolen und ein paar Dosen Stinkewasser, rannten brüllend auf die freche Leo-Bande zu und wa­ren meist die Stärkeren.

Wir hielten zusammen. Kabbelten uns natürlich auch. Ist ja normal. Meist ging das von Georgie aus. Der hatte ein Engelsgesicht und war unberechen­bar wie ein kleiner Teufel. Georgies Vater gehörte die Bäckerei. Wenn Geor­gie nicht pünktlich zuhause war, stand der Alte am Gara­gen­tor und pfiff. Dann wurde Georgie nervös, ließ alles stehen und liegen. Hatte er es vor dem dritten Pfiff nicht geschafft, flog er mit der Backpfeife gleich bis zum Tortenkühlraum. Klar, dass Georgie manchmal nicht zimperlich mit einem von uns war. Am meisten hatte er es auf Bern­hard abgesehen. Bernhard war groß und ernst und Klassenbester. Er wusste, wie man Stinkbomben baut und einen Frosch zerlegt. Bernhards Eltern waren Ärzte und meistens nie da.

Georgie brachte Brötchen und Kuchen vom Vortag mit, Lydia Johannisb­eersaft von ihrer Oma und Ludger ein paar HB. Damit ließen wir es uns gut gehen. Und mittendrin, wenn alles gut war, wir lachten, etwas Lustiges planten, Kriegsbemalung anlegten, stand Georgie plötzlich auf, boxte einem in den Magen, zückte sein Fahrtenmesser oder stieß Mord­drohungen aus. Wir kannten das, konnten uns aber nicht daran gewöhnen.

Eines Tages war nach den Schularbeiten eine Absperrung am großen Platz. Betreten der Baustelle verboten. Eltern haften für ihre Kinder. Ein Bagger hatte die Holzhütte platt gemacht und ein großes Loch gegraben. Die Leostraßen-Bande stand feixend am Bahndamm, zog lange Nasen und machte Wackelohren. Wir behielten den Bau im Auge und behaupteten uns auf den Straßen, so gut es ging.

Dann kamen die Sommerferien. Der Rohbau stand drei Etagen hoch. Wa­ren die Bauarbeiter abgezogen, rannten wir durch das Gebäude, warfen Fla­schen an die Wände, brüllten und schlitzten Zementsäcke. Oben im zweiten Stock stellten wir uns zum Sprung auf. Mutprobe. Konnte nichts passieren. Unten türmten sich Sandberge. Lydia sprang zuerst. Dann Georgie. Dann Bernhard. Danach sprang keiner mehr.

Georgie legte sich neben Bernhard, streichelte seine Wange und summte dieses Schlaflied. Da konnte sein Vater noch so viel pfeifen, Georgie rührte sich nicht vom Fleck.

 

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