Clemens Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Seit dem 6. September ist Clemens J. Setz´ neuer Roman auf dem Markt. In jedem deutschsprachigen Feuilleton wurde das 1019 (!) Seiten umfassende Werk bereits besprochen. Die Kritik fiel nahezu einhellig positiv aus (Ausnahmen sind die Rezensionen von Jan Wiele  - eher moderat - und Bettina Hartz, die in der F.A.S. vom 27.09.15 deutlichere Töne anschlägt: leblose Dialoge, überflüssige Wiederholungen, viel Belangloses, u.a.).

Entsprechend groß waren die Verwunderung und Enttäuschung, dass der "provokativste, intelligenteste, sprachmächtigste und verstörendste Roman des Jahres" nicht in die engere Wahl für den Deutschen Buchpreis 2015 gekommen ist.

Der LeserInnenbegeisterung tut das keinen Abbruch. Auf Twitter findet unter #fraugitarre ein reger

Austausch über Lektüreerfahrungen statt. Zudem wurde ebendort (in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag) ein eigener Account unter dem Namen"Tausend Seiten Setz" eröffnet, wo "Wolfseule" (ich weiß nicht, ob ich das Pseudonym verraten darf) ihre Leseeindrücke dokumentiert. Darüber hinaus wurde ein Social-Reading-Projekt gestartet, das von Guido Graf, Sascha Lobo ("Sobooks") und Suhrkamp initiierte Experiment eines kollektiven Rezensionsblogs als "Blog für betreutes Lesen":

Vom 14. September bis kurz vor Weihnachten 2015 werden sich hier rund 40 Leute ausschließlich mit Clemens Setz‘ neuem, 1000seitigen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ befassen. Das passiert in einer Reihe von Artikeln, die sich direkt am Buch entlanghangeln, aber ansonsten inhaltlich, stilistisch und formal völlig frei sind. Ein Video ist ebenso gut wie eine klassische Rezension, Dichtung so gut wie Kegeln.

Gekegelt wurde, soweit ich sehe, noch nicht. Die einander "betreuenden" 40 Leute üben sich bisher ein wenig in vornehmer Zurückhaltung. Will man es ihnen verdenken? Natürlich nicht. 1000 Seiten wollen ja erstmal gelesen sein. Vielleicht meinen einige, sich erst äußern zu können/dürfen, nachdem sie alles (mindestens einmal) von vorne bis hinten gelesen haben. Wer das Experiment als offenen Prozess gemeinsamen Lesens versteht, wird nicht erst einsteigen, wenn er/sie mit fertigen Ergebnissen aufwarten kann. Wer gerne dickedicke Bücher meidet, wird froh sein, wenn sie/er sich bei einem unbedingt zu lesenden 1000seitigen Roman etappenweise über die eigenen Leseeindrücke äußern kann (merke: Vor lauter Seiten den Roman noch sehen). Ich gehöre zu beiden Gruppen. Mein erster Beitrag ging so:


Setzkasten

Die Setzkästen des Clemens J. sind wie mit Scheu gebaut, doch sehr stabil. Da reiht sich einer an den andern und drängt und drückt und fordert, wu­chert in den Werkstattraum hinein, auf´s Zentrum zu, den Autor umkreisend und bedrän­gend. Der schaut nach Nebenausgängen, Abzweigungen, falschen Fährten. Sein Zentrum könnte ihm heilig sein, wohlwissend, es existiert nicht nur ein Zentrum. Das muss man sich irgendwie bewahren.

Der Autor greift zu, entnimmt, sortiert, baut Zeile für Zeile, verwirft und stellt zurück. Die Lesenden tuen es ihm gleich. Wie kompatibel sind die Setzkästen? Wir können nur mit dem arbeiten, was uns zur Verfügung steht. Also weiter.

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ So geht es los. Und aus den Lettern­kästen der Leserin fällt eine alte Buchstabenfolge, datiert von 1989, da war der Autor Setz sieben Jahre alt, also am Start auf dem Weg in die Welt der Schrift. Die alte, jedoch mitnichten veraltete Buchstabenfolge trägt den Ti­tel: „`Gönnt mir den Flug!´ - Die Erprobung der Analyse von Kollektivsym­bolik als Hinführung zur Trägodie `Faust´“. Ausgewählt und im Anschluss an Jür­gen Link analysiert werden darin die Kollek­tivsymbole „Flug“ und „Heiß­luftballon“, die im Text­gewebe „Faust“ einen stabilen Faden bilden. Gut, ein Beispiel:


MEPHISTOPHELES:
Wir breiten nur den Mantel aus,
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
Du nimmst bei diesem kühnen Schritt
Nur keinen großen Bündel mit.
Ein bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde,
Hebt uns behend von dieser Erde.
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf! (V. 2063f.)

„Up, up and away in my beautiful balloon.“ Als Kollektivsymbol betrachtet, ist, wenn von „Flug“ die Rede ist, die Rede auch von Aufbruch, Schwerelo­sigkeit, Aufstieg, Himmelstürmer, Vogelperspektive, Ausbruch, etc., beim „Heißluftballon“ buchstabieren sich zu diesen noch Entfesselung, freies Schweben, Entgrenzung, Flamme, Schatten, Überwältigung, etc. hin­zu.

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ Mit diesem Wunsch, Auftrag oder Ruf tritt Natalie, die weibliche Hauptfigur in „Die Stunde zwischen Frau und Gi­tarre“ in unsere Lesewirklichkeit aus Lettern und Lektüren. Doch die „herr­lichen sphäri­schen Gebilde, bei deren Anblick man innerlich runder und vollkommener wurde“, schweben davon. Natalies Wunsch wird nicht erfüllt. Noch nicht?


NB: Da wir nun schon beim Geheimrat waren. Seine Überlegungen, wie man diesen Klotz „Faust“ bewältigen könne, lassen sich 1:1 auf den Klotz „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ übertragen:


„Die rechte Art, ihm („Faust“, DB) beizukommen, es zu beschauen und zu genießen, ist die, welche du gewählt hast: es nämlich in Gesellschaft mit ei­nem Freunde zu betrachten: Überhaupt ist jedes gemeinsame Anschauen von der größten Wirksamkeit; denn indem ein poetisches Werk für viele ge­schrieben ist, gehören auch mehrere dazu, um es zu empfangen; da es viele Seiten hat, sollte es auch jederzeit vielseitig angesehen werden.“ (Goethe an Karl Ludwig von Knebel, 14.11.1827)

Ein Plädoyer für „Social Reading“! Goethe, der alte Tausendsassa.


Ich danke Matthias Klagges für Quellenhinweise.



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