Wider die Wiederholung

"Streit war der Soundtrack meiner Kindheit.“ Luis Maiwald bilanziert ohne Lamoryanz. Der Ich-Erzähler in Linus Reichlins Roman „In einem anderen Leben“ schildert eher ein wenig lakonisch, auf welch eigene Weise seine Familie unglücklich war.

Luis – wie der Autor 1957 in einem kleine Ort in der Schweiz geboren – ist Zeuge, nicht Beteiligter des un­auf­hörlichen Streits. Den haben seine Eltern, ein gutaussehender Zahn­arzt und eine ebenfalls gutaussehende Hausfrau&Mutter, stets so leiden­schaft­lich ausgetragen, dass sie als Abbild des seinerzeit promi­nen­testen Ehe­(drama)­paares – Liz Taylor und Richard Burton – erscheinen. Extre­mes Whiskytrinken inklu­sive. Gegen die spießige Umgebung heben sich die Maiwalds durch einen mondänen, immer an der neusten Mode orien­tierten Lebensstil ab. Das Kind bleibt weitestgehend sich selbst über­lassen und wird zu einem Experten in Sachen Introspektion und Alko­holiker-Psychologie.

 

Als Luis 16 Jahre als ist, wird seine Mutter bei einem Autounfall schwer verletzt. Sie liegt im Wachkoma und muss fortan zuhause ge­pflegt werden. Während sein Vater von nun an noch mehr trinkt und immer selte­ner in seiner Praxis erscheint, besteht Luis Überlebens­stra­tegie darin, inmitten des Schreck­lichen „ein normalesLeben zu führen. Mir stand am nächsten Tag eine Latein­prüfung bevor, und am Abend war ich mit Katrin zum Kino verabredet: Das war mein Leben. Mein Vater hatte ein Leben, und ich hatte eins“.

 

Gut trainiert im Beobachten gelingt es Luis, Bilder fotografisch genau nachzumalen. Seine Kopie des Gemäldes „Winterliche Landschaft“ von Jan van Os (1744 – 1808) trägt nicht nur dazu bei, seine Mutter eine Zeit­lang am Leben zu erhalten, sondern auch die aus­ein­an­derfallende Familie vorübergehend finanziell abzusichern. Ob es am unguten „Soundtrack“ seiner Kindheit liegt, dass er im Auditiven weniger gut ist, kann man nur ver­muten. Trotz der Diagnose „Takttaubheit“ nimmt er beharrlich Schlag­zeug­unterricht – auch noch im Alter von vierzig Jahren – aber den richtigen Rhythmus findet er nicht.

 

Nach bestandenem Abitur verlässt Luis sein Elternhaus für immer. Eher halbherzig beginnt er ein Studium an der Kunstgewerbeschule in Zürich und nimmt danach einen Job als Graphiker in einem Genfer Ver­sand­haus an. Doch nicht die äußeren Veränderungen stehen im Zentrum des Romans, sondern die innere Entwicklung von Luis: „Irgendwann muss der bescheidene Wunsch nach einem eigenen Leben zentral werden. Das ist grausam für die, die man hinter sich lässt. Aber man muss Menschen hinter sich lassen, um vorwärtszukommen.“ Um vor­wärts­zukommen, genügt nicht allein die Erkenntnis, d.h., das Bewusst­machen der familiären Prägung und das Wissen darum, wie man nicht werden will („wie mein Vater“), sondern der praktische Mut, sich selber zu verändern, ein Anderer zu werden. Ein dialektischer Prozess von Lieben und Abschiednehmen: Luis Mutter, Karin, Vera …

 

Luis verliebt sich in (die Seelenverwandte) Nora und beginnt mit ihr ein gemeinsames Leben in Berlin. Schritt für Schritt und mitunter nah an der Katastrophe bewegen sie sich gemeinsam darauf zu, ihr je eigenes Leben zu leben und endlich zu verlernen, „die Liebe zu allem stets mit Furcht“ zu verbinden. Für Luis „Vorwärtskommen“ werden am Ende die wiederentdeckte „Winterliche Landschaft“, ein eigenartiger Galerist und das Kind Livia bedeutsam.

 

In einem anderen Leben“ überzeugt in der ebenso genauen wie klischeefreien Darstellung der desaströsen Kleinfamilie Maiwald und nicht-resignativen Selbstbehauptung des Jungen und späteren Studenten Luis. Wohldosiert werden Pointen gesetzt, die, obwohl sie mitunter richtig witzig sind, das Desaster nicht banalisieren, sondern nur umso genauer konturieren. Diese Kunst des Wohldosierten wird ab der zweiten Hälfte des Romans, insbesondere im letzen Drittel, schwächer. Üppig ausgestreute Plots und ein ständiger (wie eigentlich begründeter?) Wechsel zwischen Erzählen im Präsens und im Imperfekt schaffen Unruhe beim Lesen, und zwar nicht im Sinne von Spannung, (auf die der geübte Krimiautor Richlin sich gut versteht), sondern eher im Sinne von Überreiztheit. Zu viele mögliche Varianten und zum Ende hin eine schlechte Ökonomie der zeitlichen Abläufe. Unangenehm berührt die etwas holzschnittartig angelegte Konfrontationstherapie, die Linus Richlin für die Selbstwerdung seines Helden inszeniert. Möglicherweise ist es dem Autor ähnlich ergangen. Wie anders soll man die wiederholt eingestreuten Sentenzen „Psychologisches Kaffeesatzlesen“ bzw. „Küchenpsychologie“ deuten?


(Linus Reichlin: In einem anderen Leben. Berlin, Köln: Galiani 2015)

 

 

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