"Burning down the house ..."

Im letzten Sommer sagte der kleine Schornsteinfeger: „Der Kamin, an dem Ihr Ofen hängt, versottet. Den müssen Sie dämmen. Keine große Sache. Könnense auch selber machen.“ Wolltenwa aber nicht selber machen. Wir leiteten die kleine Sache weiter an einen Dach­deckermeisterbetrieb.

 Letzte Woche kommt der kleine Schornsteinfeger zum Fegen. Stolz vermelde ich, dass auf seine Beanstandung hin eine fachmännische Mängelbeseitigung erfolgt sei. (Mit Schornsteinfegern muss man ein gutes Verhältnis pflegen, schließlich bringen sie glückliche Tage.) „Alles in Ordnung“, sagt er, als er vom Dachboden herunter­kommt, „machenses gut. Bis zum nächsten Mal.“ (Ich warte den Rest des Tages auf das Glück. Finde es aber nicht. Na, vielleicht hab ich es übersehen. Manchmal ist es ja klitzeklein.)


Gestern ruft der große Schornsteinfeger an und sagt, sein Mitarbei­ter habe ihm erzählt, wir hätten den Kamin mit Styroporplatten ver­kleidet. Das sei nicht erlaubt. Styropor sei zwar schwer entflamm­bar, aber mit so einem Ofen erreiche man 1000° C, dann schmölze unsere Dämmung nur so dahin, setze den Dachboden in Brand und das ganze Haus. Ich bin baff – über die Katastrophenandrohung, über das Dachdeckerhandwerk, über den kleinen Schornsteinfeger. Der große Schornsteinfeger fragt nach Einzelheiten über die An­bringung der Platten. Wieso muss ich sowas wissen? Er spricht von Gefahren. Ich sage: „Wenn wir immer vom worst case ausgingen, könnten wir uns auch nicht mehr in ein Auto setzen.“ „Ja, ja. Aber im Ernstfall würde keine Versicherung bezahlen.“


Ich rufe den Dachdecker an. Der fällt aus allen Wolken und will so­fort mit dem großen Schornsteinfeger sprechen. Eine kurze Zeit sieht es so aus, dass der Glücksbringer der Stärkere ist. Dann infor­miert sich der andere Mann auf dem Dach bei einem anderen Be­zirksschornsteinfeger, der ihm bescheinigt, alles ordnungs­gemäß gemacht zu haben. Die Verhandlungen dauern noch an.


Während ich überlege, ob mein Bezirksschornsteinfeger ein buch­stabengetreuer Vorschriftenhermeneut ist oder ob Brüssel mal wie­der mit nigelnagelneuen EU-Verordnungen den ruhigen Alltag von Normalbürgern stören will, kommt der Lebensmensch aus der Schule und erzählt, der Brandschutz sei da gewesen. Drei Compu­terräume und der Arbeitsraum für Lehrer wurden geschlossen: Brandgefahr wegen zu wenig Steckdosen. Bei der letzten Brand­schutzbegehung galt dieselbe Situation noch als o.k. Da die Trend­konferenz ins Haus steht und die Noten in besagtem Arbeitsraum eingetragen werden, gibt´s eine kleine Sondergenehmigung: Die Lehrer dürfen zwecks Noteneingabe ihren geschlossenen Arbeits­raum betreten. Ich hoffe doch sehr, dass nicht jeder von ihnen ein großes elektrisches Küchengerät dabei hat. Denn spätestens wenn der letzte Wäschetrockner eingestöpselt ist, werden sie merken, dass man damit die Wand zum Schmurgeln bringen kann. Und kei­ne Versicherung bezahlt.


Gähnende Leere im Oberstübchen“ – so die Überschrift eines Ar­tikels, den ich heute morgen in der Tageszeitung lese. Berichtet wird von der Schließung des Stuttgarter Fernsehturms vor ein paar Tagen. (Die Wutbürger formieren sich bereits.) Warum dürfen Be­sucher nun nicht mehr bis oben hinauf auf den Turm? Weil bei ei­nem Feuer möglicherweise nicht genügend Fluchtwege vorhanden sind. Und wer hat´s er-äääh-gefunden? Richtig! „Die neue Lage er­gab sich, weil in der Stadtverwaltung neue Mitarbeiter den Brand­schutz neu bewertet hatten“ (F.A.Z. vom 11.04.2013, 7).


Was ist eigentlich los?


Die Koinzidenz der Ereignisse beunruhigt mich. Ich glaube, ich werde Verschwörungstheoretikerin. (Hat vielleicht Kim Jong-un mit allem zu tun?)

 

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Kommentare: 2
  • #1

    George (Freitag, 19 April 2013 14:28)

    Die Welt dreht sich nicht nur immer schneller, ich glaube ihr wird auch schwindelig dabei. Anders kann ich mir den kollektiven Geisteszustand schon nicht mehr erklären.
    Es gibt ja diese wunderbare "Wie haben wir nur unsere Kindheit überlebt" Anekdote, die durchs Internet geistert. Das kann man ruhig auf ein paar Jahrtausende ausdehnen.

  • #2

    walk-the-line (Freitag, 19 April 2013 16:22)

    @George: Vielleicht haben wir sie überlebt, weil uns das Karussellfahren gegen den Schwindel der Welt immunisiert hat.

Never forget lesson no. 1
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