Jenseits des Großburgwedels - 12

Kapitel 16 heißt: „Die Zukunft“. Es ist das letzte und treibt mich zu der Überlegung, ob ich das L lieber groß schreiben sollte.

Wir erfahren noch einmal, wie schrecklich Frau Wulffs Haut nach dem ganzen Stress aussah, wie nervig es war, als Gattin des Bun­despräsidenten Hände zu schütteln, „Small Talk zu machen, zu lä­cheln“ und „abends vor den Kleiderschrank zu treten und (sich, DB) die leidige Frage des Anziehens zu stellen“, keine Zeit zu ha­ben für die eigenen Wünsche, Träume, Bedürfnisse und Kinder und natürlich auch für „Christian".

Folgerichtig „ist die oberste Priorität für Christian und mich, die nächsten Jahre überwiegend selbstbestimmt und nicht fremdbe­stimmt leben zu wollen.“ (Frau Wulff, die Voraussetzungen dafür sind glänzend: 199.000 Euro im Jahr for nothing, ab 2013 jährlich noch 18.000 Euro mehr, da dürfte eine Menge Selbstbestimmung drinsitzen. Der „Christian“ kann sich locker noch zwei, drei weitere hippe Brillen für seine Metamorphose kaufen, ohne den Cent im Portemonnaie umdrehen zu müssen. Wie singt Ihr Freund Klaus Meine immer so schön:The future's in the air, I can feel it every­where, blowing with the wind of change.“)

 

Wenn man mit andauernden Magenschmerzen, Gewichtsverlust, gereizter Haut, der Erschöpfung durch das öffentliche Amt und die öffentlichen Diskussionen nach dem 17. Februar 2012 in eine neue Zukunft startet, zunächst noch den ganzen Organisati­onskram mit Terminabwicklungen im Schloss Bellevue, Umzug nach Großburg­wedel, Anmeldungen der Kinder in Schule und Kin­dergarten etc. pp. zu regeln hat, ist man doch heilfroh, wenn end­lich Ruhe ein­kehrt, der Rückzug („Ich möchte mir nicht zuviel auf­halsen.“) ge­lingt und man wieder Zeit für die Kinder, den Ehemann und auch für die Eltern, um die man sich in Zukunft mehr küm­mern möchte, hat.

Tja. Als Zeitungs- und „Jenseits-des-Protokolls“-Leserin muss ich mir dann aber jetzt feste die Äugelein reiben. Stimmt wirklich, was ich da überall lese? Ja, es stimmt: Nicht mal vier Wochen nach dem Rücktrittstermin startet Frau Wulff das Buchprojekt mit Frau Mai­baum. Nur vier Monate später liegt das fertige Buch auf dem Tisch. Ebenfalls im März denkt Frau Wulff über einen Job in der Presse­abteilung eines Bundesliga-Vereins nach, glaubt aber, dass das un­realistisch sei, denkt auf einmal an die Paralympischen Spiele, denkt sodann an das Duderstädter Medizintechnikunternehmen Ot­tobock, „das vor allem für die Herstellung innovativer Prothesen steht und dort auch Weltmarktführer ist“, ruft sogleich ihren Trau­zeugen Andreas an, der „einen freundschaftlichen Draht zum Fir­menlenker Hans Georg Näder hält“, und schwuppdiwupp ist Frau Wulff Hospitality-Managerin bei Ottobock. (In meinem nächsten Leben möchte ich in Niedersachsen geboren werden, und zwar in die richtigen Kreise. Ist das klar?!)

Als „Hospitality-Managerin“ und „Sonderbotschafterin“ reist sie Mitte Mai zur internationalen Orthopädiemesse nach Leipzig und erklärt sich und die Produkte des Hauses. Eine Woche später geht es nach Manchester zu einer „Wanderausstellung“ über die Pa­ralympics. Mitte August verab­schiedet sie in Berlin 78 Techniker von Ottobock, die als Service­team zu den Paralympics nach Lon­don reisen. Vom 29. August bis 9. September reist sie selbst im Auftrag von Ottobock nach Lon­don, wo sie Ehrengästen und Dele­gationen „erklärte, was Sportlerinnen und Sportler mit Handicap für eine technische Unterstützung benötigen, um Hochleistungser­gebnisse zu erzielen.“ In den Monaten davor hat sie zudem Termine für ihre Stiftung „Eine Chance für Kinder“ absolviert, den Start­schuss für den Maschseelauf gegeben, und … Ach, es reicht

 

Was sollen wir glauben? Was können wir wissen? Sollen wir das Gejammere nicht ernst nehmen oder die Sehnsucht nach Ruhe, Rückzug und Familie? Wahrscheinlich weht „the wind of change“ sowieso, wo er will.

 

Mir bleibt noch die Antwort auf die Frage aus „Jenseits des Großburgwedels – 2“ nachzutragen: „Aber es ist mir nicht egal, was Menschen über mich denken beziehungsweise dass in ihren Köpfen möglicherweise ein Bild über meine Person herumspukt, welches mir selbst absolut fremd ist.“

Bezüglich der Frage nach dem Genre von „Jenseits des Protokolls“ steht für mich außer Zweifel, dass es sich hier um eine Rechtferti­gungserzählung handelt, adressiert an die Söhne von Frau Wulff. Hätte sie ihnen die Geschichte doch bloß nur irgendwo und ir­gendwann mal rein privatsphärisch vorgetragen, es wäre besser für alle gewesen.

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Atalante (Dienstag, 25 September 2012 14:54)

    Danke für die äußerst amüsante Zusammenfassung. Vielleicht wage ich jetzt auch eine Amazon-Rezension. ;)

  • #2

    Bernhard Wunsch (Sonntag, 13 Januar 2013 19:38)

    Liebe Frau Brockmann,

    da ist vieles richtig, was Sie schreiben. Und doch verwechseln Sie Ursache mit Wirkung. Hätte es nicht die in der Nachkriegsmedienlandschaft einmalige Hetzkampagne der Bild-Zeitung gegen Christian Wulff gegeben (die mich an die unseligen Zeiten des "Stürmer" erinnerte), wären da nicht die vielen Trittbrettfahrer gewesen, die auch Frau Wulff diffamiert und in die Nähe einer Prostituierten gebracht hätten, gäbe es dieses Buch nicht.

    Dann wurde dieses Buch allerdings ein Selbsttor, da gebe ich Ihnen Recht. Bettina Wulff scheint mir ein Dummerchen mit Gelüsten nach Macht, Wohlstand und Anerkennung. Das ist aber in unserer dekadenten Gesellschaft nichts besonderes und trifft auf Viele zu, insbesondere, wenn sie sich im vermeintlichen Glanz ihres Lebenspartners oder einer anderen Figur sonnen können. Davor sind vermutlich auch weder Sie noch ich so ganz gefeit.

    Nun aber bietet das Buch eine Steilvorlage für alle, die seinen naiven und selbstoffenbarenden Charakter zum Anlaß nehmen, noch einen drauf zu setzen. Ihr Artikel, mag er noch so brilliant geschrieben sein, fügt sich in dieses Nachtreten nahtlos ein.

    Herrn und Frau Wulff stehen schwere Zeiten bevor. Mein Mitleid bekommen sie dafür nicht aber das mindeste, was ich tun kann, ist, das Thema für mich abzuschließen. Ob Sie mitmachen mögen?

    Bernhard Wunsch

  • #3

    walk-the-line (Montag, 14 Januar 2013 09:30)

    Lieber Herr Wunsch,
    es freut mich, dass Sie sich Zeit für meine "Jenseits-des-Protokolls"-Lektüre genommen haben.
    Unklar ist mir, ob Sie sämtliche 12 Folgen gelesen haben, denn in diesem Fall hätten Sie nicht zu dem Fazit kommen können, dass die Blog-Einträge in die "Nachtreter"-Schublade einsortiert werden können.Im Unterschied zu dem Gros sogenannter Amazon-Rezensenten (über die ich mich deutlich geäußert habe), habe ich mich der Mühe unterzogen, das Buch von Frau Wulff genau zu lesen.
    "Jenseits des Protokolls" ist von einer erwachsenen, öffentlichkeitserfahrenen Frau geschrieben worden, die ehemals als Pressesprecherin gearbeitet hat, nun eine "Kommunikations"-Agentur betreibt und sich für das Schreibprojekt Unterstützung von einer erfahrenen Journalistin geholt hat. Getrost ist davon auszugehen: Sie wussten, was sie tun. Ich halte Frau Wulff keineswegs für ein "Dummerchen".
    Dass das Thema auch für mich zu einem Abschluss gekommen ist, habe ich daran gemerkt, dass ich bei der "Trennungs"-Meldung heute vor einer Woche nicht im geringsten Antrieb verspürte, mich erneut dem Thema zuzuwenden.
    Herzliche Grüße
    Doris Brockmann

  • #4

    Bernhard Wunsch (Montag, 14 Januar 2013 18:35)

    Liebe Frau Brockmann,

    vielen Dank, dass Sie meinen Kommentar gelesen und beantwortet haben. Ich gebe zu, dass ich noch nicht alle 12 Folgen Ihrer Blog-Einträge studiert habe, werde das allerdings nachholen. Allerdings habe ich mir das Buch von Frau Wulff eingehend -im besten Sinne des Wortes- zu Gemüte geführt. Sie ist wie ein kleines unreifes Mädchen und die Tatsache, dass sie in einer "ausgebufften" Medienwelt lebt, steht dazu nicht im Gegensatz. Mit "Dummerchen" meine ich die persönliche Reife und da scheint sie ihr bisheriger Werdegang eher gefördert zu haben. Man sieht es doch an einem "Profi" wie Herrn Dieckmann, dem offensichtlich gar nicht klar oder eher egal ist, dass er Herrn Wulff -wie dessen Freunde zu berichten wußten- an den Rand des Suizids geführt haben ("er ging zum Selbstschutz in ein Kloster").

    Die Eheleute Wulff interessieren mich persönlich überhaupt nicht und schon gar nicht bin ich deren Verteidiger. Zynisch gesehen würde ich sogar sagen, dass das Beste an der Angelegenheit ist, nunmehr von einem Bundespräsidenten Wulff verschont zu sein.

    Worum es mir allerdings geht, ist die Unmenschlichkeit der Mediengesellschaft, um die Pöbeleien in den Internetforen, die von einer bestimmten Presse bewußt gelenkt werden, um die Bereitschaft der Bildzeitung, Menschen zwecks Steigerung der Auflage zu vernichten und vor allem um die Dummheit des Volkes, derartige Berichterstattung für objektiv richtig und vor allem im Sinne einer tatsächlich pervertierten "Pressefreiheit" für notwendig zu erachten.

    So wurden Leute wie Guttenberg, Kachelmann oder Wulff regelrecht hingerichtet ohne dass sie eine Chance bekamen, sich zur Wehr zu setzen. Und die Justiz hat das ganze Spiel begleitet, weil wohl tatsächlich selber Opfer.

    Diese Dinge werde ich, wo immer möglich, zur Sprache bringen.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Abend und herzliche Grüsse

    Bernhard Wunsch

Never forget lesson no. 1
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