Kuranstalt - Dokumentationsroman einer Maßnahme - 14

Und Tschüss


Der deutsche Melting Pot ist im Laufe der letzten Woche bis zur Unerkennbarkeit geschrumpft. Ich bleibe übrig.

Nein, wir haben uns nicht zerstritten. Alles gut. Nur gilt im Kurver­lauf nicht die Maxime, dass die Ersten die Letzten sein werden. Hier hält man sich streng an das Zeitreglement, demzufolge die Ersten die Ersten und die Letzten die Letzten sein werden – wenn´s ans Abreisen geht. Und ich war als Letzte von uns angereist.

Seit Montag wird hier nun täglich Abschied genommen. Ich bin nicht gut im Abschiednehmen. Und zwar nicht erst dann, wenn es um ein gaaanz tiefes Innigkeitsgefühl oder eine gaaanz lange Ge­meinsamzeit geht. Es reicht, wenn etwas schön und gut war, damit ich sentimental werde, wenn es zuende geht.

Meine Schwierigkeit mit dem Abschied geht so weit, dass ich mich auch von Dingen, die mir lieb geworden sind, schlecht trennen kann. Zum Beispiel bringe ich es nicht über mich, meine dreißig Jahre alte Sammlung mit Überraschungseierinhalten wegzuschmei­ßen. Nicht, dass sie komplette Serien enthielte oder seltene Einzel­figuren, die ich im Notfall auf einer Ü-Ei-Börse für viel Geld ver­scherbeln könnte. Auch ist sie nicht irgendwo im Haus aufgestellt, um mich im Alltag zu erfreuen und regelmäßig abgestaubt zu wer­den. Sie ruht in einer Kiste auf dem Dachboden. Aber ich könnte sie jederzeit auspacken und am Gefühl dieser schönen und guten Tage schnuppern, an denen ich mit einem Ü-Ei überrascht wurde. Jedesmal, wenn ich umgezogen bin oder von Aufräumanfällen übermannt wurde, waren sie und manche anderen kleinen Dinge nahe daran, in Müllsäcken zu verschwinden. Doch es ging nicht. Inzwischen bin ich mit mir übereingekommen, dass ich sie ohne schlechtes Gewissen behalten darf: Sollte ich steinalt werden und von Vergesslichkeit geplagt, bräuchte ich bloß diese kleinen Dinge auszupacken und zu betrachten. Auf jedem hockte eine kleine Erinne­rung. Ich würde sie erkennen.

 

Die Zeit mit den Melting-Pot-Leuten in der Kuranstalt war schön und gut. Jedem, der abfährt, gebe ich die längste Praline der Welt mit, als eine Art Energiebrücke in den Alltag. Ich erhalte Fotos und Adressen. Die Fotos werden bleiben, die Adressen vermutlich ir­gendwann verlorengehen. Der Verbund funktionierte jetzt und hier. Außerhalb des Sanatoriumalltags warten zu viele verschiedene All­tage auf uns. Wir werden sehen.

 

Samstagmorgen. Ich mache das Licht aus.

Der Taxifahrer bringt mich sehr früh zum Bahnhof. Viel zu viel Zeit für sentimentalisches Starren auf die Tannenwälder des Weser­berglands. Ich denke an meine Holzschuhtänze in der Kältekam­mer, an die rutschenden Kopfhörer in der Wanne und das Tourette-Syndrom. Ich will nicht sentimental werden. Schon gar nicht auf dem Bahnhof von Bad Pyrmont.

 

Die Sonne scheint aus allen Kanälen. „Was für ein schöner Som­mertag!“ jubeln die Reisenden in allen Zügen und auf jedem Bahn­hof. Nach gefühlten fünf Stunden fahre ich an Wanne-Eickel vorbei und sehe auf dem Dach eines Schrebergartenhäuschens eine kinds­hohe Leuchtfigur: Santa Claus nebst Rentier Rudolph. Einmal bombig fest montiert, warum soll man das alle Jahre wieder an- und abschrauben? Ja warum eigentlich?

Und bei mir macht es klick: Ich habe den Übergang von einem Par­alleluniversum in ein anderes geschafft.

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Kommentare: 2
  • #1

    Petra (Sonntag, 23 September 2012 13:45)

    Ich habe gerade Bescheid bekommen, meine Kur ist genehmigt worden - in Bad Pyrmont.
    Das also wird mich erwarten. Naja.

  • #2

    walk-the-line (Sonntag, 23 September 2012 14:00)

    In einem literarischen Blog wird ja auch einiges dazu erfunden...
    Auf jeden Fall kann ich zur Pyrmont-Wahl gratulieren. Ansonsten ist es ja überall reines Roulette, ob man auf die richtigen Leute trifft am Tisch, in den Gruppen, im Behandlungszimmer, etc.
    Viel Glück!

Never forget lesson no. 1
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