Kuranstalt. Dokumentationsroman einer Maßnahme - 4

Hallo


Als ich die Kurklinik betrete, sind sämtliche Gäste beim Mittages­sen (und nicht in der Liegekur wie bei Herrn Castorps Eintreffen am Zauberberg). Aus dem links vom Haupteingang liegenden Speisesaal strömt ein Gesurre und Gewimmel auf mich ein. Ganz schön viele Stimmen und Gestalten für eine/n hermit.

Schon kreuzt Empfangsschwester Anneliese meinen Weg, schüttelt mir kräftig das Händchen und erweckt den Eindruck, sie freue sich ganz doll über meinen Besuch. Umgehend verordnet sie mir ein Mittagessen und schickt mich in den Speisesaal.


Dort sind beim Betreten die Hände zu desinfizieren.Während ich die curacaofarbene Flüssigkeit zwischen den Fingern verreibe, wird mir ganz anders: Ich sehe nur Krücken, Rollstühle, Gehhilfenpark­boxen, hinkende, schlurfende, sich angestrengt gerade haltende Menschen – und also meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Ich will hier weg! Bitte! Sofort! Ich komme auch bestimmt wieder! In dreißig Jahren wenn ich dem Altersdurchschnitt hier entspreche!


Eine kleine Frau fragt mich nach meinem Namen und sagt dann, sie zeige mir jetzt meinen Platz: „Und den behalten Sie für die Dauer Ihres Aufenthaltes.“ Ich trotte hinter ihr her und vermeide den Blick in die Gesichter der Insassen. Wir halten vor einem Tisch, an dem zwei Männer sitzen: Der eine höchstens so alt wie ich, der an­dere mindestens 15 Jahre jünger. Ich stelle mich vor. Der jüngere sagt: „Wir duzen uns hier.“ Okay. Doris. Heiner und Markus. Schnell werde ich mit Tipps für Neuankömmlinge versorgt und zu­sehends entspannter. Vielleicht ist doch nicht alles so schlimm. Ich schaue um mich und entdecke mehr und mehr jüngere Rehabilitan­den. Am Ende gehöre ich noch selber zu den Älteren? Nein, so schlimm ist es auch wieder nicht.


Deutlich entspannter als wie bei der Desinfektion gehe ich zurück zu Schwester Anneliese, um mich anzumelden. Schwester Annelie­se ist eine Frischluftfanatikerin. Obwohl sie ein großes Schild mit dem Aufdruck „Wir bitten um Diskretion!“ an der Scheibe ihres Büros hängen hat, bleibt die Bürotür sperrangelweit auf, und wir alle, die wir davor warten, um uns anzumelden, be­kommen mühe­los mit, was die Vorherigen von sich preis geben: Herzschrittma­cher, Allergien, Gebiss, private Zusatzversicherung, Marcurmar, Hörgerät, undsoweiter undsofort. Als ich an der Reihe bin, will ich wie selbstverständlich die Tür hinter mir zuziehen. Schwester An­neliese springt auf: „Nein, halt, so kann ich nicht ar­beiten!“ Ich sage: „Sie bitten um Diskretion. Ich bitte auch um Dis­kretion.“ „Na gut“, stöhnt Schwester Anneliese und schließt die Tür. Nach der dritten Frage springt sie auf, ruft: „Das halte ich nicht aus!“ und reißt die Tür wieder auf: „Wir müssen ja nicht laut reden.“ „Gut“, sage ich, „dann flüstern wir uns an.“ Und dann sage ich ihr ganz leise, dass ich kein Hörgerät trage.


Zum Zimmer eskortiert einen ein junger Mann, der das Gepäck so­wie eine Kiste Bad Pyrmonter Wasser transportiert und einige Hin­weise gibt, wie man sich in der doppelhäusigen Klinik orientieren kann. Unterwegs begegnen uns eine ganze Reihe ähnlicher junger Män­ner im dunklen Poloshirt, die Patienten begleiten und immer ein freundliches „Hallo“ sagen. „Sind Sie alle Zivildienstleistende, äääh, ich meine im Bundesfreiwilligenjahr?“ „Nein“, sagt er und zeigt stolz auf das Namensschild an seiner Brusttasche: „Patienten­begleiter“. „Ach so“, sage ich.


Während des restlichen Tages begegnen mir in den Gängen, Aufzü­gen, im Eingangsbereich, Therapietrakt, etc. eine Menge Patienten­begleiter. Immer wird freundlich hallot. Bei einem Patientenbeglei­ter habe ich nach der dritten Begegnung spaßes­halber mal mitge­zählt und bin bis 16 gekommen. Allerhand.


Zudem muss man ja auch noch die des Weges kommenden Patien­ten grüßen bzw. wird von ihnen gegrüßt. Die meisten jedenfalls machen mit bei dem großen „Hallo“. Die schweigende Minderheit der Grußlo­sen sind, glaube ich, einfach nur mürrische Zeitgenossen – viel­leicht aber auch einfach nur Patienten, die schon länger als 3 Tage hier sind. Denn sogar bei mir schleicht sich schon eine leich­te „Hallo“-Ermü­dung ein. Zweimal habe ich heute interessiert auf eine Türbeschriftung geschaut und so zwei potenti­elle Hallos an mir vorbeiziehen lassen,  - ohne unhöflich zu sein.


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Kommentare: 2
  • #1

    Mynheer Pieter Peeperkorn (Samstag, 21 Juli 2012 12:23)

    Hallo!
    Die Schilderung erinnert mich an das ewige "He" in schwedischen Krimis oder den Fernsehfilmen, die sich dafür halten.
    Aber immer noch besser als das jugendimitierende "Hallo???", was einem heutzutage an jeder Ecke entgegen geschmettert wird.
    MPP (!)

  • #2

    walk-the-line (Samstag, 21 Juli 2012 13:47)

    Hallo, Mynheer Peeperkorn, hoe gaat het met u?
    Wat leuk u hier te zien.
    Herzlich grüßt
    Doris B./Hans C.

Never forget lesson no. 1
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