Bachmannpreis - 11 / Wuff-Wuff

Herr Anton will wissen, warum in dem Text da hinten kein Hund vorkommt.
Herr Anton will wissen, warum in dem Text da hinten kein Hund vorkommt.

Unglaublich, dachte ich und schaute zu Herrn Anton neben mir. Der guckte, als wäre es das Selbstverständliche auf der Welt: „Der Hund von Saloniki“ lautete der Titel von Stefan Mosters Geschichte. Herr Anton drehte sich zur Seite und schnaufte zufrieden. Am Tag zuvor hatte er noch rumgenörgelt: „Wenn wieder keine Hunde vorkom­men, klink ich mich aus.“ Und nun kam nicht nur einer im Titel vor, es traten gleich mehrere verschiedene auf.

Eben noch waren welche am Kap Hoorn ins Wasser geworfen wor­den - eine Szene, die die Vater-Tochter-Be­ziehung des Erzählers empfindlich störte. Schon hörten wir von einem, der den nun 18jährigen Erzähler auf einem desaströsen Griechenland-Ur­laub beißt. Gottseidank war Herr Anton inzwischen eingeschlafen und träumte von den zwei übriggebliebenen Kartoffeln, die er mög­licherweise bekäme, wenn er mich beim Klagenfurt-Kukken nicht störte.

Ja, unglaublich. Und zwar so doll, dass ich das Protokollieren der Lesungen und Diskussionen einstellte, bevor ich überhaupt damit angefangen hatte. Es wäre wohlfeil gewesen, das Hundethema, wie geplant, zur Perspektive meiner Bachmannpreis-Betrachtungen zu machen. Ich hatte mir Dialoge mit Herrn Anton vorgestellt, in de­nen ich das Gehörte und Gesehene kommentieren wollte und er mitteilte, wie das Ganze da im Fernseher vor uns auf ihn wirkt. Zwar haben diese Dialoge stattgefunden, sie wurden nur nicht live dokumentiert. (Wie so ein Projekt scheitern kann, lese ich heute in der F.A.S.: Man hat den Rapper Maxim (K.I.Z.) und den Bach­mannpreis-Mitbegründer Reich-Ranicki in Frankfurt vor einen Fernseher gesetzt und gesagt: Ihr schaut euch jetzt mal die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur an, schwätzt ein bißchen darüber und die Antonia Baum, die letztes Jahr selber Kandidatin in Kla­genfurt war, protokolliert das Ganze. Und was kommt dabei heraus? Der einzige, der bislang noch nie etwas mit dem Thema „Bachmannpreis“ zu tun hatte, ist der einzige, der etwas zum The­ma sagt und sich bemüht, das Gespräch aufrechtzuerhalten. Der Großkritiker wird vorgeführt als trotteliger Greis, der mehr schläft als redet. Und die Protokollantin hinterlässt den Eindruck, dass sie sich nur nicht der Mühe unterziehen wollte, einen Artikel über die Lesungen und Diskussionen in Klagenfurt zu schreiben, und mächtig Spaß an dem als „Dramolett“ gekenn­zeichneten „Missverständnis“ der beiden Bachmannpreis-Kukker hatte.)

 

Ob zu einem späteren Zeitpunkt etwas von den Herr Anton/Frau Brockmann-Dialogen öffentlich gemacht wird, ist noch nicht be­kannt. Vorerst beschränke ich mich auf die Veröffentlichung des in den vergangenen drei Tagen gesammelten Materials zum Thema „Hund“ im Rahmen eines bedeutenden Wettbewerbs für deutsch­sprachige Schriftsteller.

 

Von den vorgetragenen 14 Texten sind 9 hundefrei.

Ja, und warum beschäftigen Sie sich dann damit???

Weil immerhin ein Drittel der Texte nicht hundefrei ist. Weil in zwei Texten „Hunde“ titelgebend sind. Weil die Jury gerne auf das Thema „Hund“ eingegangen ist.

 

In Stefan Mosters „Der Hund von Saloniki“ heißt es:

er war ein Hund, sodass man nicht wusste, was er empfand“. „Hunde, heißt es, besitzen kein Zeitgefühl, vielleicht kommt das Vergessen bei ihnen abrupt.“

Von den ins Meer geworfenen Hunden wird gesagt: „Sobald ein Hund wieder auf festem Boden stand, schüttelte er sich, dass es nass in alle Richtungen stob, dann trabte er die Treppe hinauf und begab sich, wenn auch auf den letzten Metern zögerlich, ausgerech­net zu seinem Peiniger zurück.“

Der Hund von Saloniki war einer, der sich „durch den Schlafsack­stoff hindurch“ im Bein des Schlafenden verbeißt und, obwohl der ihm nichts getan hat, nicht von ihm ablässt.

Nach dem Kampf mit dem Ich-Erzähler bleibt der Hund ihm bis zu einer bestimmten Stelle auf den Fersen, dann „setzte (er) sich in vier, fünf Metern Entfernung hin, er fügte sich dem Stärkeren, erkannte ich, für ihn war ich kein barfüßiges Häufchen Elend.“

Die Jury sagt:

Es darf gebellt und gejault werden!“ (Keller)

 Er war ein Hund. Was für ein wunderbar-lapidarer Satz! Das braucht Mut, so etwas hinzuschreiben.“ (Caduff)

Der Hund ist natürlich ein psychoanalytisches Symbol. Er stellt in der Traumdeutung den Eros dar. Dieses Moment wird hier aller­dings nicht ausgelotet. Hier wird der Hund auf der realistischen Ebene erzählt.“ (Strigl) Zudem findet Frau Strigl die Attacke des Hundes auf einen Schlafenden ausgesprochen unrealistisch. Jeder außer dem Protagonisten würde Tollwutangst bekommen haben.

Kein Tier kann so wenig es selbst sein, wie der Hund: Er ist nie einfach nur ein Hund, sondern steht immer für irgendetwas.“ (Jandl) Herr Jandl nennt das „motivische Auslegeware“. Er bemän­gelt, die Hundegeschichte werde existenzialistisch „hochgejubelt“, entsprechende Motive aus der existenzialistischen Literatur (sen­gende Sonne, Einsamkeit) werden bemüht, um die Situation des Protagonisten damit zu „bebildern“: Eine „Exemplifizierung des Sprichwortes: Den Letzten beißen die Hunde“.

Fortsetzung folgt ...

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