Bachmannpreis - 5 / Stuben aller Art (Richner, Ramnek)

I can see you in the morning when you go to school“, schallt es aus dem Lautsprecher. Man sieht aber niemanden zur Schule gehen, sondern jemanden bereits in der Schulstube stehen. Es ist eine junge Frau, die gerade das Wort „Randnotizen“ an die Tafel schreibt. Als diese Frau geboren wurde, war der „School“-Song von Supertramp schon vierzehn Jahre alt. Die Frau heißt Mirjam Richner und ist die jüngste Teilnehmerin (24) beim diesjährigen Bachmannpreis-Wettbewerb.

Frau Richner sagt, dass sie schon früh das Bedürfnis gehabt habe, Geschichten zu schreiben, aber wegen Problemen mit der Ortho­graphie es nicht so richtig gewagt habe, mit dem Geschichten­schreiben loszulegen. „Doch das Dichten muss sein!“ sagt eine männliche Stimme aus dem Off: „Mit vierzehn Jahren legt sie los!“ In den folgenden zehn Jahren entstanden „unzählige Kurzgeschicht­en, fünf Romane und viel Lyrik. Das meiste ist noch unver­öffentlicht.“

Frau Richner, die Lehrerin für Deutsch und Mathematik ist, wird in der Schulstube dabei gefilmt, wie sie Klassenarbeiten korrigiert, Gitarre spielt und im Interview sagt, in der Prosa müsse alles in sich stimmig sein und gut klingen, Gedichte könnten dagegen auch völlig zerrissen klingen, dürften unter die Haut gehen, eine kaputte Sprache haben und grob sein.

Würde ich einen Kurs in literarischem Schreiben (nein, nicht „crea­tive writing“) veranstalten und Frau Richner wollte daran teilneh­men, dann wäre eine unserer Übungsaufgaben gewiss diese: Tau­sche die oben zitierten Beschreibungen über den Unterschied zwi­schen Prosa und Lyrik gegeneinander aus und schau mal, was dann passiert.

 

Wie Mirjam Richner lebt auch Hugo Ramnek in der Schweiz und unterrichet Deutsch. Im Unterschied zu ihr ist er jedoch nicht in der Schweiz geboren, sondern, nah?, wo wohl? Ja, tatsächlich in: Kla­genfurt! Ob ihm das einen Heimvorteil verschafft, darf bezweifelt werden, denn erstens hat Herr Ramnek seine Kindheit in Bleiburg (Unterkärnten) verbracht, zweitens ging der Bachmannpreis ja auch schon letztes Jahr nach Klagenfurt.

Herr Ramnek unterrichtet nicht nur Deutsch. Im Videoporträt sehen wir ihn in einer ziemlich großen, altehrwürdigen Schulstube, wo er mit der Bühnenspielgruppe des Zürcher Liceo Artistico Bewe­gungsübungen macht. Herr Ramnek ist Theaterpädagoge und hat die Schauspielschule Zürich besucht. Für ihn war die Schauspiele­rei das Einfallstor zur Schriftstellerei: Als er Szenen für ein Solo­programm, mit dem er auftreten wollte, einem Freund zeigte, habe dieser gesagt: „Hugo, was du schreibst ist nicht dramatisch, das ist episch.“ Es sei wie eine Erleuchtung gewesen. Ihm sei klar gewor­den, dass er Geschichten erzählen wolle, dass er erzählen wolle.

Und so wurde aus dem Solo-Programm, in dem Herr Ramnek in der Figur eines aquaphobischen Bademeisters, dem Publikum (in der Figur der Schwimmschüler) Geschichten erzählt, um nicht ins Wasser zu müssen, der Roman „Der letzte Badegast“, in dem ein eigenartiger Badegast den am Saisonende ausgelaugten Bademeis­ter eines Seebades an acht aufeinanderfolgenden Tagen besucht, um ihm skurile Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Der Bade­gast bringt jedesmal einen Kranich und einen Eimer, in dem ein Fisch schwimmt, mit. Der Fisch (doch nicht nur der) macht dem Bademeister Angst.

 

NB: Ich bin immer davon ausgegangen, dass wenn Bachmannpreis-KandidatInnen das Videoporträt über sich nicht in Eigenregie er­stellen, sie auf jeden Fall bei der Konzeption und Realisation ein Wörtchen mitzusprechen haben. Ist das nicht so? Soll ich nun wirk­lich glauben, dass es Frau Richner gefällt, wie die männliche Stim­me aus dem Off sie in onkelhafter Begeisterung präsentiert und man nicht davor zurückschreckt, sie als „Dichterin mit allen Sin­nen“ zu bezeichnen, während die rosa bemalten Lippen der Kandi­datin in Nahaufnahme gezeigt werden. Soll ich wirklich glauben, dass es Herrn Ramnek gefällt, dass sein Vorstellungsvideo bildlich und musikalisch anmutet wie ein für Regionalprogramme produ­zierter meditativ dahinplätschernder Reisebericht über Zürich und Bleiburg, der besonders gerne Kirchen, Fahnen, Berge und Wasser zeigt? I´m full of doubt.

 

 

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Never forget lesson no. 1
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