Ruhestand. Dokumentationsroman einer moralischen Entrüstung - 12

Kaffeekränzchen à deux. In Ruhe Geschenke und Glückwunschkar­ten betrachten. Fröhliche Zufriedenheit mit einem Hauch kaum an­zumerkender Enttäuschung. Der türkische Teekuchen erhält 10 Punkte. Fröhliche Zufriedenheit auch auf Seiten der Kuchenbäcke­rin. Kurz überlege ich, ob ich zur morgendlichen Pullover-Affäre noch etwas Zurechtrückendes anmerken sollte. Nein, besser nicht, denke ich und bin froh, dass der Lebensmensch jemand ist, der Üb­les nicht nachträgt. Im Gegensatz zu mir. Der Telefonreigen be­ginnt, der Hund und ich ziehen uns diskret zurück. Er macht die große Gartentour, bei der mög­lichst jeder Strauch markiert werden muss, und ich packe meine Schwimmsachen zusammen.

 

Schade, sagt die Physiotherapeutin, dass ich den Zapfenstreich heu­te nicht gucken kann, das hätte ich gerne gesehen, wenn die alle mit ihren Vuvuzelas auflaufen, wennse überhaupt damit auflaufen. Ja, sagt Gerda, oft redense bloß und ist nix dahinter. Ich glaube schon, dass sich da einige mit den Tröten einfinden werden in Ber­lin, er­widere ich. Ja Berlin, sagt Gerda, ist ja in Berlin. Wir werfen Bälle in die Luft, müssen einen Schritt vorwärts gehen und dann die Bäl­le wieder auffangen. Das Auffangen gelingt nicht bei jedem Ver­such, aber wir machen ja auch nicht Wasserballett. Die Stim­mung steigt mit jedem Patzer. Manfred ruft in das Gekichere, er habe auf der Hinfahrt im Radio gehört, dass man mit einer Vuvu­zela sogar die "Ode an die Freude" spielen könne, die der Wulff sich ge­wünscht habe. Ode an die Freude, würde ich an dem seiner Stelle auch an­stimmen, ruft die Physiotherapeutin zurück. Da sachste was, sagt Rita, aber ich möchte jetzt nicht in Berlin sein, bei dem Krach von den Vuvuzelas fallen einem die Ohren ab, da kann ei­nem der Wulff schon fast wie­der leidtun. Leidtun, der brauch dir doch nicht leid­tun, der mit sei­nem ganzen Geld und seinen guten Freunden, ruft Werner, echte Frü-nde stonn zesam-me. Hilde singt sofort mit und sagt dann: Der Wulff ist doch mit diesem Toupet von der Ferres befreundet, Milliardär ist der und zieht die Strippen in Hannover. Wenn du den zum Freund hast … Wenn du den zum Freund hast, spöttelt Manfred, dann brauchst du keine Feinde mehr. Wir lachen und beugen uns federnd nach rechts und nach links. Ich versteh die Ferres nicht, sagt Rita. Die versteht keiner, sagt die Physiotherapeutin, und jetzt sucht euch alle einen Platz am Beckenrand, die Bälle könnt ihr im Wasser lassen.

 


Ein Freund, ein gu-ter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt, singt Gerda, als wir, vor der Kachelwand die Beine krei­sen lassen. Einige singen mit, einige summen mit. Ihr seid aber heute gut drauf, sagt die Physiotherapeutin. Was bleibt uns anderes übrig, als Spässkes zu machen, sagt Gerda, sonst würden wir ver­zweifeln bei dem Wahnsinn von denen da oben.

Manfred erzählt mir, im Lokalradio hätten sie heute über eine alternative Hitliste für den Großen Zapfenstreich abgestimmt, Money for nothing, sei auf den zweiten Platz gekommen. Und wer war auf dem ersten? Die Erste Allgemeine Verunsicherung mit: In der Provinz bin ich der Märchenprinz. Ich lache und Hilde johlt von links zu Manfred: Das Lied kenn ich auch, da ist zwischendrin doch so ein Da-da-da­da-dada-da, da-da-dada-dada-da, nh? Plötzlich fangen alle an: Da-da-dada-dada-da, da-da-dada-dada-da, Da-da-dada-dada-da, da-da-da-da! Es wird in die Hände geklatscht und mit den Hüften gewackelt. Ist das nicht der Ententanz?, fragt die Physiotherapeutin. Passt doch gut zu uns lahmen Enten, johlt Gerda und bespritzt sie mit Wasser: Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh! Langsam gerät das ganze aus dem Ruder, aber so lustig war die Wassergymnastik noch nie. Rita legt sich auf den Rücken, paddelt mit Händen und Füßen und singt: Ich will keine Schoko­lade, ich will lieber Ehrensold, ich will keinen Präsidenten, sondern Kisten voll mit Gold! Wir bespritzen uns mit Wasser, werfen die Bälle hoch in die Luft und Werner macht einen Purzelbaum. Die Physiotherapeutin sagt: Okay, Schluss für heute, ich wünsch euch einen schönen Abend! Wir watscheln die Treppe hoch, Gerda stimmt an: Auf Wiederseh´n, auf Wiederseh´n, … und ich frage mich, ob heute eine Substanz im Wasser war, die da nicht hingehört.


Der Geburtstager gibt einen Barolo aus und hat Sandwiches vorbe­reitet. Beim Perfekten Dinner gibt es Rehrücken im Haselnussbis­kuit und Pecannussparfait mit Safranorangen. Dein Festmahl holen wir am Wochenende nach, sage ich zum Geburtstager. Schon in Ordnung, sagt der, wie findest du eigentlich meine Sandwiches? Oberspitzenmäßig, sage ich und greife sofort noch einmal zu. In dieser Woche nimmt ein Sterne-Koch under­cover am Perfekten Dinner teil. Wir Zuschauer sind eingeweiht und wissen, mit wem wir es zu tun haben. Heute Abend ist der Profi am Werk. Mir wäre es lieber, ich müsste genau­so wie die Mitköche raten, wer der Profi ist. Ich bin befangen, achte immer besonders auf die Blicke und Kommentare des Sterne-Kochs. Von Tag zu Tag erscheint er mir mehr und mehr selbst­gefällig. Würde ich bei jedem anderen der fünf Kandidaten genauso reagieren, wenn mir der Fernsehkommen­tator erzählt hätte, er oder sie sei der Profi? Wie groß ist der Eigen­anteil, wenn vom persönli­chen Eindruck die Rede ist? Was ist über­haupt dieser Eigenanteil? Irgendein Kommentator sitzt einem doch immer im Ohr. Wäre es denkbar, dass mir Herr Wulff auch sympa­thisch sein könnte? Uuuuh!? Nein, ich fand ihn schon vor der Affä­re eitel, verschlagen, falsch, als er noch nicht Bundespräsident-Dar­steller, sondern erst nur Kandidat war.


Im Fernsehen wechseln gerade die Kandidaten von der Kochshow zu denen von Germany´s next Topmodel. Der Barolo stimmt so heiter, dass wir beschließen, uns die Topmodels anzugucken. Gott­seidank ist Heidi heute nicht dabei. Die muss in LA bei den Globes über den Teppich laufen. Der einzige, der uns hier interessiert, ist Thomas Rath. Er trägt phantastische Anzüge, Kappen und Socken, kann wunderbar entsetzt auf etwas schauen und wenn er kommen­tiert, ist das zum Niederknien: Tass tarf einfach nicht passieren, wenn euch tass bei einem Kunden passiert, tann türft ihr so-fort nach Hause fahren! Thomas Rath ist herzallerliebst. Wir schätzen seine Professionalität. In seinen Augen ist kein Falsch und ein großes Herz hat er auch noch. Heute dürfen wir uns eine Moden­schau ansehen, bei der seine neue Kollektion präsentiert wird: Im Grundstyle very british, an der Oberfläche jedoch geht es kunter­bunt durcheinander mit Pünkt­chen, Karos, Streifen, Farben und verschiedenen Stoffen. Alles fügt sich auf geheimnisvolle Weise zu einem stimmigen Ge­samtbild. Wir heben die Gläser und prosten ihm zu: Toll Thomas, tu tisainst su­perschöne Teile!

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Never forget lesson no. 1
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