Ruhestand. Dokumentationsroman einer moralischen Entrüstung - 11

8. März 2012

Geburtstagsständchen. Geschenkübergabe. Wohlgefallen. Und die Sonne scheint dazu. Kleines Frühstück. Albernheiten. Blick auf die Uhr. Ernst des Lebens. Und dann das.

Warum immer dieser Pullover? Das ist meine Arbeitskleidung, der Klemptner trägt auch jeden Tag Blaumann. Seit Oktober immer nur dieser Pullover. Ich habe zwei Exemplare davon, die ich im Wech­sel trage. Aber das weiß doch keiner. Muss ja auch nicht, jedenfalls mief ich nicht und sehe auch nicht abgerissen aus, und es ist ein­fach ein toller Pullover. Der Schrank ist voll mit tollen Pullovern, warum trägst du nicht mal einen von denen? Ich muss mich wohl fühlen, und ich fühle mich nur in diesem Pullover wohl. Viel­leicht fühlst du dich auch in einem anderen wohl, du musst es ein­fach mal ausprobieren. Ich fühle mich in diesem Pullover sehr wohl. Am Ende fällt es auf mich zurück. Wieso das denn? Weil das so ist. So ein Blödsinn, allenfalls fällt es auf mich zurück. Nein, das glaube ich nicht. Heute ist internationaler Frauentag – und mein Geburts­tag. Mh, klasse Totschlagargumente. Nein, Tatsachen, bloß Tatsa­chen, und jetzt muss ich muss los. Ja denn. Ja denn.

 


Ganz schön bescheuert, sage ich zu dem Hund, als ich den Früh­stückstisch abräume, warum hast du mich nicht zurückgehalten? Der Hund reckt und streckt sich ausgiebig, als wolle er posen: Sieh her, auch ich trage immer denselben Pullover und fühle mich sau­wohl darin. Dann trabt er zur Spülmaschine und lauert, ob beim Einräumen Essensreste zu Boden fallen. Ich schäme mich ob mei­ner Terrierhaftigkeit, Spielverderberei und feministical incorrect­ness. Am liebsten möchte ich jetzt eine richtig gemeine Szene für meinen Roman schreiben: Wie Manfred die Ich-Erzählerin mit­leidslos abserviert, nachdem er sich auf der Göreme-Fahrt unsterb­lich verliebt hat, wahrscheinlich in eine Studienkollegin, die auch mitgefahren ist. Aber wenn ich verärgert bin und schreibe, schreibe ich zwar schnell und viel, nur kann man das meiste davon besser schnell wieder vergessen. Einfach zuviel Krawumm!


Außerdem liegt heute noch ein anderer Tagesordnungspunkt an. Darauf muss ich mich ein bisschen vorbereiten. Ein wenig Verärge­rung als Grundstimmung ist dabei gar nicht verkehrt. Und diese wird sogleich noch angeheizt, als ich bei der Suche nach der Gäste­liste für den Großen Zapfenstreich einzig bei der Bildzeitung fün­dig werde. Besser schnell wegklicken? Das ist mir in den letzten Tagen schon nicht gelungen. Hätte ich für jeden Besuch auf der Seite bild.de eine große Buchhandlung aufsuchen müssen, die die­ses Blatt feilbietet, und es vor aller Augen aus dem Zeitungsständer herausziehen, zur Kasse tragen und bezahlen müssen, dann wäre mir einiges von dem entgangen, was der neuerdings als investigativ gefeierte Revolverblattjournalismus in Sachen Wulff zutage fördert. Zwar kann man neuerdings immer mehr Bildzeitungs-Meldungen auch in den als seriös bezeichneten Zeitungen nachlesen, sie schei­nen das Blatt seit der Wulff-Affäre als eine Art zweite dpa zu nut­zen, aber sie zitieren auch nicht alles und jedes.

Alles und jedes kann ich im Schutz der eigenen vier Wände, allein mit Hund und Notebook zu jeder Zeit lesen, herunterladen, ausdru­cken. Schön geheim und mit unveränderter Meinung über das Blatt und auch ohne einen Cent in die Springer-Kasse zu werfen. Das ist in etwa so konsequent, wie als Noch-nicht-Bundespräsident beim Ehrensold Abstriche zu fordern und als A.D.-Bundespräsident den Ehrensold ohne Abstriche zu verlangen, – ich weiß. Meine Gott, nun stehe ich auf einer Stufe mit Herrn Wulff! Ich schäme mich. Aber ich muss wissen, wer heute Abend zum Großen Zapfenstreich kommt und wer nicht. Der Hund hebt den Kopf und starrt mich mit großinquisitorischem Mopsgesicht an. Ich erwäge, ihn mit Leberwurst zu bestechen, auf dass er mir Absolution erteile und ich mich wieder besser fühle. Doch dann wird mir klar, dass damit nur alles schlimmer würde: wiederholtes Lesen von Bildzeitungsartikeln – nicht dafür bezahlen – Bestechungsversuch – und was kommt als nächstes? Nein, ich muss die Spirale falschen Handelns unterbrechen, bevor sie sich in noch schlimmere Untiefen schraubt. Jetzt ganz schnell die Liste durchgehen und dann weg mit Bild.


Von 369 eingeladenen Gästen haben bisher gut 160 abgesagt, dar­unter vergleichsweise viele Angehörige der Bundeswehr bzw. des Verteidigungsministeriums, sämtliche Bundestagsvizepräsidenten und, wie schon bekannt, die früheren Bundespräsidenten, sodann die Minister bzw. Ministerinnen für Justiz, Arbeit, Kulturstaat, Ent­wicklung, Finanzen, Inneres, der Ehemann von Frau Merkel, die Halbschwester von Herrn Wulff, und so weiter und so fort. Mein persönliches Highlight ist die Absage von Herrn Hagebölling, dem Chef des Bundespräsidialamtes. Er hat, so war in letzter Zeit über­all zu lesen, die Ehrensold-Entscheidung zu verantworten. Dass er unmittelbar vor dem Chefposten im Bellevue Leiter der niedersäch­sisches Staatskanzlei war, hat die Kritik an ihm nicht gerade abge­mildert. Warum möchte er nicht zur Abschiedsparty kommen? Gab es Missverständnisse? Wurden Absprachen nicht eingehalten? Ich würde jetzt gerne die Mailbox von Herrn Hagebölling abhören.

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Never forget lesson no. 1
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