Ruhestand. Dokumentationsroman einer moralischen Entrüstung - 4

Völker hört die Signale, steht über dem Titelfoto der Frühstückszei­tung. Kein Kampfruf ans lustige Völkchen der Rentner, Wasser­gymnastiker und Therapeuten, gegen die Ehren­sold-Entscheidung endlich auf die Straße zu gehen, sondern die banale Über­schrift zu einem für heute nun gar nicht erwartbaren Thema, wie der Plakata­gitation in Nordkorea. Ansonsten nichts zur Meldung des vorgestri­gen Tages, nicht mal eine 12-Zeilen-Notiz, auch das Feuil­leton schweigt.

Die beugen sich der Macht des Faktischen, meint der Le­bensmensch, die wissen einfach, dass an der Entschei­dung nicht zu rütteln ist. Trotzdem! Man hätte doch zum Beispiel Achim von Ar­nim interviewen können. Die ganze Zeit schreiben sie stand­haft auf den Rücktritt hin und jetzt bei dieser Folgege­schichte ma­chen sie nichts, das verstehe ich nicht! Viel­leicht hat es damit zu tun, dass man nicht nachtritt, wenn jemand schon am Boden liegt, mutmaßt der Lebensmensch und verab­schiedet sich mit einem Kuss in die Welt derer, die nach anderthalb Jahren im Staats­dienst nicht mit ei­ner lebenslangen Pension von mo­natlich 16 583 Euro netto belohnt werden.

Kurz darauf finde ich doch noch einen Beitrag: Auf der ersten Seite steht ein zweispalti­ger Kommentar unter der Über­schrift: Ehre ist Zwang genug. Den hatte ich vermut­lich wegen die­ser zum Thema nun gar nicht erwartbaren Über­schrift und wohl auch wegen der drei grellen nord­koreanischen Propagandaplakate einfach übersehen. Viermal fange ich an, den Kommentar zu lesen, aber es will mir nicht gelingen. Ständig schweife ich in Gedanken ab, weil ich an meine Zeit in Münster denken muss, denn dort habe ich genau diese Überschrift schon einmal gelesen. Sie steht in der Stuckdekoration über einem Ka­min, der sich im großen Saal des Krameramtshauses befindet, und heißt ursprünglich: Ehr is Dwang gnog. Dieser westfälischen Weis­heit werden der Hund und ich beim Spaziergang am Deich nach­denken.

 

Es scheint eine Art Fluch des Vergessens zu herrschen: Mittwoch­abend habe ich vergessen, die Abendnachrichten plus höchstwahr­scheinlichem ARD-Brennpunkt zu schauen, gestern Abend habe ich vergessen, die Harald-Schmid­t-Show einzuschalten. Letztere habe ich in letzter Zeit zwar schon mal öfter verpasst bzw. verschlafen, weil ich seit ein paar Monaten morgens zwischen fünf und sechs Uhr aufstehe, um den Ro­man Ripple-Effekt zu schreiben, aber an einem bedeutsamen Tag wie dem der ersten Ehrensold-Zahlung hätte mir das Versäum­nis eigentlich nicht passieren dürfen. Also google ich erstmal: Harald Schmidt Ehrensold. Es gibt einen Hin­weis auf einen Twitter-Ein­trag von Harald Schmidt, da steht: Mer­kel ist gegen Ehrensold für Wulff. Stattdessen soll er an die Frau von Egon Geerkens ausgezahlt wer­den. - Der Spruch datiert vom 18. Februar, ist somit gar nicht aktuell, wenngleich man ihm eine gewisse zeitlose Gültigkeit nicht absprechen kann.

Ich gerate auf eine Seite von WELT ONLINE, die Schmidts Sprüche heißt und mir folgendes Zitat präsentiert: Wulff wird immer der Berlus­coni der Herzen bleiben. Naja, denke ich, mh. Dasselbe mache ich, nachdem ich gelesen habe, Wulff könne doch den Posten des grie­chischen Finanzministers überneh­men. Während ich ein zweites Mal Mh mache, gerate ich unten auf der Seite in die Leser-Kom­mentare und stelle verblüfft fest, dass die gar nicht mal so sehr An­ti-Wulff, sondern vielmehr Anti-Schmidt gehalten sind. Von mittel­mäßigem Clown, ist da die Rede, der peinlich sei wie Paolo Pin­kel (kenn ich nicht, google ich aber nicht, sonst komm ich am Ende von Hölzchen auf Stöckchen!), auch ist die Rede von Rheumade­cken und Butterfahrten, Selbstverliebtheit und A-Karte-Zeigen. Ein franz1943 (manchmal sagt ein Pseudonym mehr als tausend face­book-Daten) schreibt: da staubt der Kerle fast 6.000.000€ Zwangs­gelder ab und regt sich über Wulf auf-Charakter wie ein Garten­schlauch.krumm und dre­ckig! - Zuerst denke ich: Mann, Mann, wieder so einer, der dem Wulff eine Lebenserwartung von nur noch dreißig Jahren ausrechnet, bis ich merke, dass hier einiges gar nicht zusammenpasst: Zwangsgelder? Wulff, der sich über sich selber aufregt? Es muss sich hier also um einen weiteren An­ti-Schmidt handeln. Ich kann mich erinnern, dass die Honorarhöhe, für die Herr Schmidt bei der ARD damals verpflichtet wurde, umstritten war, aber ob es sich um 6 000 000 Euro gehandelt hat, weiß ich nicht mehr. Ist es vorstellbar, dass wir GEZ-Zahler tatsächlich so viel dafür bezahlt haben? So viel in wievielen Jahren eigentlich? Wievielen genau, weiß ich nicht, aber es waren sicher nicht dreißig Jahre plus der zwanzig Monate aktiver Saatsdienstzeit. Und was ist mit Thomas Gottschalk? Soll der jetzt nicht ebenfalls sechs Millionen bei der ARD verdienen? Und wie war das mit Diego bei Werder Bremen und beim beim Vfl Wolfsburg? 6 000 000 – eine ominöse Zahl.

Weniger unheimlich, sondern eher mehr sehr heimatlich, mutet der finale Vergleich in diesem Anti-Schmidt-Kommentar an: Charakter wie ein Gartenschlauch.krumm und dre­ckig! Ich weiß ja nicht, wie der Gartenschlauch von franz1943 aussieht, aber wenn er krumm und dreckig ist, und das sage ich hier als begeisterte Gartenfreundin, dann ist er nicht gut zu gebrauchen. Will franz1943 genau das über den Charakter von Herrn Schmidt sagen? Darf er das überhaupt? Oder hat er etwas anderes sagen wollen und nur nicht die richtigen Worte gefunden? Von Stund an geht mir der Spruch mit all seinen möglichen Variationen nicht mehr aus dem Kopf. Ein Charakter wie ein Gartenschlauch, biegsam und durchlässig, grün und rot, gelb und schwarz, fies und billig, stramm und speckig, klamm und klöterig, geknickt und keiner geht hin, falsch und muss umgetauscht werden, … Hilfe! Warum hilft mir denn niemand und schüttet mir ein Glas Wasser ins Gesicht, auf dass ich wieder klar werde? Ich muss doch den Roman weiterschreiben!

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Never forget lesson no. 1
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