Ruhestand. Dokumentationsroman einer moralischen Entrüstung - 3

In der Nacht träume ich, ich bin am Meer. Das reetgedeckte Hotel, in dem ich wohne, hat acht Sterne, die mich so einschüchtern, dass ich am liebsten in meiner Suite bleiben möchte. Aber der Hunger treibt mich raus. Am Frühstückbüfett steht eine blonde Frau, die mir aufmunternd zulächelt.

 

Greifen Sie doch zu, sagt sie, ist alles bezahlt, keine falsche Scham. Mutig packe ich mir drei Löffel Rührei auf den Teller, greife beim gekochten Schinken und Old Amsterdaam zu, befülle drei kleine Schälchen mit verschiede­nen Marmeladensorten, packe noch ein Glas mit frischen Erdbee­ren dazu, gieße mir aus dem Samowar ein Silberkännchen Darjee­ling First Flush voll, stecke vier Papiertütchen Kandiszucker in die Ho­sentasche und balanciere alles zu dem Tisch, auf dem ein Platzkärt­chen mit meinem Namen steht. Die ganze Zeit beobachten mich die Leute ringsum. Sie machen Notizen und Fotos. Aufgeregt rufe ich ih­nen zu, dass das alles legal sei. Da kommt ein Kellner und sagt: Nur Barzahlung, sonst müssen Sie gehen. Ich ziehe den Brustbeutel unter dem T-Shirt hervor und sehe: Nichts. Das kann doch nicht sein, sage ich, ich habe doch alles ehrlich erspart. Wieso ist das Geld nicht da? Weil Sie eine Hochstaplerin sind, sagt der Kellner, was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Ich habe doch nichts gedacht, sage ich verzweifelt. Wieso lässt man mich nicht einfach Urlaub machen wie jeden anderen auch? Weil wir un­sere Bestim­mungen haben, sagt der Kellner, der plötzlich aussieht wie ein Pin­guin mit Hirschgeweih. Ich gebe ihm die rechte Hand, die nun wundersam mit goldenem Geschmeide übersät ist, und tür­me.

 

Ab jetzt ist Ruhe. Der Roman von Marion Brasch geleitet mich durch die Schlaflosigkeitsphase, die auf den Traum folgt. Mein Verdacht, dass es im Leben keine Zufälle gibt, findet erneut Bestä­tigung, als ich nach nur drei Abschnitten an die folgende Stelle komme: Im Sommer fuhren wir auf die Insel Hiddensee und bezo­gen dort für vier Wochen einen Bungalow in einer Feriensiedlung für höhergestellte Parteifunktio­näre. Meine Mutter bekam immer schlechte Laune, wenn wir dort ankamen. - Die Sätze tun mir wohl nach dem beängstigenden Meer-Traum, der, je länger ich versuche, mich an ihn zu erinnern, wahrscheinlich auf Norderney spielte. Mittlerweile ist es fünf Uhr, die Müdigkeit kehrt träge zurück und ich schlafe ein mit dem Nachhall der kurz zuvor gelesenen Sätze: Du sollst in der Schule Hausschuhe tra­gen? Meine Mutter war fas­sungslos. Das ist demütigend!

 

 

2. März 2012

Freitagmorgen: Später aufstehen. Der Lebensmensch muss erst zur zweiten Stunde los. Und der Hund ist tolerant und flexibel, sofern man ihm morgens nicht verwehrt, ins Lager der Rudelführer über­zuwechseln. Ich kraule ihm den Bauch und stelle mir vor, wie es wäre, wenn wir gestern 16 583 Euro überwiesen bekommen hätten und wüssten, dass das immer so weitergehen wird und keiner von uns dafür aufstehen müsste. Wahrscheinlich würde ich für alle noch anstehenden Arbeiten im Haus Handwerksbetriebe beauftragen, richtig gute und teure, um so den Lebensmenschen vom stetig wachsenden Unbehagen am Gebot des Selbermachens zu befreien. Keine Lust mehr, den Holzfußboden zu ölen? Habe den Parkettle­ger für Montag bestellt, nein, er räumt die Zimmer selber vorher aus. Kein Bock, die Hecke zu schneiden und das Gartenpförtchen zu reparieren? Der Landschaftsgärtner lässt fragen, ob es uns diese oder lieber erst nächste Woche besser passt, dass er vorbeikommt? Neuer Aktivkoh­lefilter schon wieder fällig! Nein, den brauchst du nicht mehr aus­zutauschen, habe gestern einfach gleich eine neue Dunstabzugshau­be gekauft, wird morgen montiert. So in etwa. Und alsbald und zu meiner ganz besonderen Freude, lasse ich sämtliche Leitungen, Heizungsrohre und Kabel unter Putz oder in holz­schachtähnliche Fußbodenleisten legen. Ach wär das schön!

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Never forget lesson no. 1
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