Es ist unmöglich

„Mozartweg 14.“

„Kein Problem. Mozartweg 14.“

 Nichts ist schöner, als bei Schneegestöber durch die Nacht gefahren zu wer­den, eingeschmiegt in den armrunden Beifahrersessel, halb bewusstlos von der Heizungsluft im Autoinnern. Am Armaturenbrett die Visiten­karte des Taxiunternehmers: Moham­med Abdullah. Das Foto zeigt den Fah­rer. Ich finde Ein-Mann-Unternehmen gut.

„Kleine Nachtmusik“, sagt Herr Abdullah.

Aus dem Radio dudelt eine Art Türkisch-Rock.

„Kleine Nachtmusik, Mozart“, sagt Herr Abdullah.

„Ach so“, sage ich, „nicht so mein Fall. Die ist eher was für kleine Drehor­geln in Setzkästen.“

„Satzkästen, ja, Satzkästen“, sagt Herr Abdullah, „Gedichte sind schön.“

„Ja, schön“, sage ich, „viele sind auch schön schwierig.“

„Es ist Unsinn, sagt die Vernunft“, sagt Herr Abdullah, „es ist, was es ist, sagt die Liebe.“

„Ja“, sage ich und schaue durch das hintere Seitenfenster: „Hätten wir eben nicht rechts abbiegen müssen?“

„Es ist Unglück, sagt die Berechnung“, sagt Herr Abdullah.

„Vielleicht sollten Sie das Navi einstellen“, sage ich.

„Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst, es ist aussichtslos, sagt die Ein­sicht“, sagt Herr Abdullah.

„Das ist sicher richtig, trotzdem glaube ich, wir fahren einen Umweg.“

„Es ist, was es ist, sagt die Liebe“, sagt Herr Abdullah.

„Es ist lächerlich“, sage ich. „Es ist unmöglich, was Sie hier ...“

„Es ist, was es ist, sagt die Liebe“, sagt Herr Abdullah.

„Aber doch nicht auf meine Kosten ...“

Herr Abdullah schaut mir ins Gesicht und schaltet das Radio aus. Ich fühle mich schlecht und starre ins Schneegestöber. Knapp vierzig Euro müsste ich dabei haben, ob das reicht, denke ich.

„Amadeus, Amadeus“, singt Herr Abdullah, „rock me, Amadeus.“ Herr Ab­dullah gibt Gas und lacht.

„Ein guter Film“, sage ich.

„Ja, sehr guter Film“, sagt Herr Abdullah, „sehr guter Film. Beide viel zu früh gestorben. Sehr traurig.“

„Es ist Unglück und nichts als Schmerz“, sage ich.

„Wir sind da“, sagt Herr Abdullah.

 

 (als Beitrag "Potsdam, Hermannswerder 13. 15. März 2013, 21:36 Uhr" in: Taxi Deutschland: Geschichten von der Straße. Carl Hanser Verlag München 2015.)

 

Das Haus

Wir gingen nach Haus. Und das Haus war nicht mehr da. Kann doch nicht sein, sagten wir. Darf doch nicht wahr sein, sagten wir. Doch die Tür, die wir aufschliessen wollten, war nicht mehr da. Die Fenster, durch die wir hin­ein­schauen wollten, waren nur Luft, Luft ohne Rahmen. Ist doch wohl ein schlech­ter Scherz. Ein elend schlechter Scherz, nichts zum Lachen. Wir schüttel­ten die Köpfe und stellten uns auf das Grundstück – immer­hin war das noch da. Erst einmal abwarten, Zeit gewinnen, nachdenken.

Im Nachbarhaus stand jemand hinterm Fenster. Wir winkten hinüber. Der Jemand trat einen Schritt zurück. Wir schritten das Grund­stück ab, setzten Fuss vor Fuss, keinen Zentimeter auslassend. Wir hatten Boden unter den Füssen. Das war ja nicht nichts. Aber es war zu wenig. Wir irrten über das Grund­stück, stampften mit den Füssen auf und schrieen, rauften uns die Haare, krallten die Finger in den Boden, Speichel tropfte uns vom Kinn.

Der Briefträger kam vorbei, stellte das gelbe Fahrrad ab und übergab uns die Post. Er komme doch viel herum, da höre und sehe er doch eine Menge, sagten wir, ob er nicht wisse, was geschehen sei. Es werde erzählt, sagte er, jemand sei hier auf den Plan getreten, in der Hand ein graues Wischtuch, ein mega­grosses graues Wischtuch, und  habe alles restlos weggewischt. Wie das denn sein könne, sagten wir, das könne doch nicht angehen, einfach so, von jetzt auf gleich und überhaupt, das könne man doch nicht machen, so könne man doch nicht miteinander umgehen, das sei unzumutbar, unzumut­bar sei das. Er wisse es doch auch nicht, sagte der Briefträger, er sei doch nur der Überbringer der Nachricht, man dürfe ihm keinen Strick daraus drehen. Niemand wolle ihm einen Strick drehen, sagten wir, aber er müsse uns doch auch verstehen, wir befänden uns im Ausnahmezustand. Das sähe er, sagte der Briefträger und umklammerte die Griffe des Fahrrads. Im Aus­nahme­zustand. Jaja, er müsse nun weiter, er sei schon spät dran, einen schönen Tag noch.

Wie wir das hassten, dieses «Einen schönen Tag noch», das einem ständig hinterhergerufen wurde. Als wenn das etwas nützte. Floskeln helfen nicht, ins Universum gesendete Wünsche ebensowenig. Das ist eine Gesetz­mässig­keit. Ratlos standen wir auf unserem Grund und Boden. Von wo sollte Hilfe kommen? Im Dämmerlicht sahen wir drüben an der Bus­hal­t­e­stelle einen Mann, eingeknickt wie ein abgebrannter Feuerwerkskörper in einer leeren Wein­flasche. Ob warten sich lohnt, weiss keiner so genau. Die Sterne hielten Blick­kontakt, als sässen sie auf der anderen Seite eines Bewer­bungs­gesprächs, voraus­ahnend, dass das Ganze nicht gut ausgehen würde. Wir versuchten, uns von unserer besten Seite zu zeigen, richteten uns auf, redeten, schwadro­nierten, sangen Lieder, bis uns die Gaumen­zäpfchen am Rachen klebten, trocken und brechreizerregend. Da erst bemerkten wir, dass wir die ganze Zeit vergessen hatten, zu essen und zu trinken. Wir gingen hinüber zum Kiosk, kauften belegte Brote, Wasser und Wein und beeilten uns, zurück­zukehren zu unserem Haus, das nicht mehr da war.

Wir hatten gehört, «Angst» stamme von «Enge» ab. Wenn das stimmte, mussten wir uns also keine Sorgen machen. Wir nahmen einen grossen Schluck aus der Weinflasche, warfen die Briefe in die Luft, sangen ein Lied nach dem anderen und gruben uns kleine Bettmulden in den Boden. Ja, wir liessen uns nichts anmerken. Der Mond schien dazu. Wir schmiegten uns in die Erdmulden, schauten zum sternklaren Himmel, deckten uns mit unseren Armen zu und warteten auf den Schlaf. Möglich, dass uns ein Hauch von Wohlig­keit überkam. Wir versuchten, uns etwas vorzustellen. Es misslang. Wir waren keine Strategen. Der Nachtwind fuhr sanft über unsere Wangen. Wir würden aufpassen müssen, nicht zu verwahrlosen.

 

(Gewinnertext beim Schreibwettbewerb "Texte des  Monats" (November 2014) des Literaturhauses Zürich)

Ina

Steinmeiers Wecker läutet um halb sieben. Dann beginnt die Nachruhephase. Steinmeier dreht sich auf die linke Seite, presst sein Ohr in das Kissen auf der anderen Ehebetthälfte und atmet tief ein. Hierbei vermeidet er jegliches Nachdenken. Viertel vor sieben steht er auf, geht ins Bad und verweilt einen Augenblick vor dem Waschbecken. „Katzenwäsche“ hatte seine Exfrau das genannt und dabei kein einziges Mal das Naserümpfen unterlassen können. Das schert ihn nicht mehr. Den gedeckten Frühstückstisch kann er sich allabendlich auch selber vorbereiten, und vor allem genau so, wie er es will. Endlich ist sichergestellt, dass seine Tasse, sein Holzbrettchen und sein Messer sich am richtigen Platz befinden. Steinmeier hasst Variationen. Martina wollte pausenlos irgendetwas umgestalten, immer alles verändern. Dieser Unsinn mit den ständigen Variationen, hatte er ihr dann vorgehalten, warum kann denn nicht alles so bleiben, wie es ist? „Langweilig“ hatte sie das genannt.

Steinmeier trägt jeden Tag die gleiche Kleidung: eine schwarze Jeans, einen grünen Rollkragenpullover, der im Sommer gegen ein hellblaues Hemd ausgetauscht wird, und schwarze Schnürschuhe. Das Schnüren ist wichtig für den Halt. Slipper können das auf Dauer nicht gewährleisten, wie Steinmeier nach einem einmaligen Versuch festgestellt hatte. Was kaum einer weiß, ist, dass er die Grundgarderobe in dreifacher Ausfertigung besitzt: eine zum Tragen, eine zum Wechseln und eine in petto, für alle Fälle. Das Frühstück besteht aus einer Tasse Kaffee und zwei Scheiben Toast, die auf Stufe drei mittelbraun geröstet und dann zum einen mit Erdbeermarmelade, zum anderen mit Kochkäse bestrichen werden, nicht mehr und nicht weniger. Das Ganze dauert in der Regel zehn bis dreizehn Minuten. Eine grobe Durchsicht der Lokalzeitung ist dabei auch noch möglich. Fünf nach sieben verlässt Steinmeier die Wohnung und fährt zur Arbeit. Seit vier Tagen ist ihm das ein besonderes Vergnügen.

Vor einem Monat war er im Supermarkt an einem Aktionsstand vorbeigekommen, an dem man schätzen sollte, wie viele Bleistifte in das dort aufgestellte amphorenförmige Glasgefäß hineinpassten. Normalerweise schenkt Steinmeier solcherart Werbemaßnahmen keine Beachtung, doch in diesem Fall hatte er sich herausgefordert gefühlt, und zwar durch die Form des Glasgefäßes. Eine rechteckige oder gar quadratische Form wäre ihm banal, weil zu leicht berechenbar erschienen. Das ovale Gefäß hingegen stellte eine Aufgabe von besonderem Reiz dar. Scheinbar mit seinem Einkaufszettel beschäftigt, hatte er den Glasbehälter zweimal umkreist und hierbei dessen Außenmaße grob erfasst. Steinmeiers Einkaufszettel misst, wie jeder seiner Schreibblöcke, vierzehn mal zehn Zentimeter. Anschließend hatte er wie geplant ein Gurkenglas, eine Butterbrotsrolle, zwei Orangen sowie eine Schachtel Ingwerstäbchen in seinen Einkaufswagen gepackt, die Theke des Backshops angesteuert, dort eine Tasse Kaffee bestellt und sich dann an einen der Bistrotische zurückgezogen. Nachdem sowohl der Einkaufszettel und eine Papierserviette fein säuberlich mit Zahlen, Linien, Kurven und Formeln beschrieben waren, hatte Steinmeier den Teilnahmeschein für das Gewinnspiel ausgefüllt. Die Erregung war ihm kaum anzusehen gewesen, das Zittern hatte seine Handschrift so gut wie gar nicht beeinträchtigt. Vor einer Woche war die Benachrichtigung gekommen, dass er den Inhalt des Gefäßes bis auf sieben Bleistifte genau erraten hätte. „Erraten“ hatte Steinmeier sich gewundert und den ersten Preis ausgepackt – ein Navigationsgerät.

Eigentlich braucht er kein Navigationsgerät. Die tägliche Strecke zum Stadtarchiv kennt er wie im Schlaf. Die übli­chen Einkaufswege, Behördengänge oder samstäglichen Fahrten zu den Fischteichen stellen auch kein Problem dar. Und alles, was darüber hinaus geht, interessiert ihn nicht. Reisen hält er für unnötig. Stattdessen liest er gerne Reiseromane oder schaut sich im Fernsehen Reportagen über ferne Länder an. Doch dieses Gerät entzündet eine kindliche Freude in ihm. Gleich einem Spielzeug, das sowohl herausfordert als auch bestätigt, bildet es eine Brücke zur Welt da draußen und sichert zugleich die höhlenartige Heimeligkeit des Mit-sich-Seins. Nach sorgfältigem Studium der Gebrauchsanweisung hatte Steinmeier sich am vergangenen Wochenende auf Jungfernfahrt begeben. Angefeuert von der glockenhellen Stimme, die er nach kurzer Zeit auf den Namen „Ina“ getauft hatte, war er durch vertraute Straßenviertel gesteuert und in Verzückung darüber geraten, wie präzise die Streckenführung mit seinen Fahrgewohnheiten übereinstimmte. Keine Abweichungen, dachte Steinmeier, toll. Sogar die geheime Autobahnabfahrt über den Parkplatz, die er auf der Rückfahrt vom Stadtarchiv immer nutzte, kannte sie. Selbstverständlich hatte er Ina nachts nicht im Wagen gelassen, sondern in seine Wohnung mitgenommen. Beim Abendessen hatte er Wegbeschreibungen für eine Fahrt ins Aostatal abgefragt, inklusive Zwischenübernachtungsmöglichkeiten und diversen Besichtigungsrouten. Später im Bett war er anhand einiger Reiseführer den sorgfältig notierten Vorschlägen nachgegangen. Kein einziger Fehler! Phantastisch! „Milleluci“, hatte er gesagt, „da könnten wir übernachten, und vorher wird gespeist in der Taverna da Nando – Wild, ja Wild und Polenta, Mocetta, luftgetrocknetes Gemsenfleisch, was es nicht alles gibt.“ Dann hatte er sich ein Ingwerstäbchen in den Mund geschoben und das Licht ausgeschaltet. Am Morgen danach waren sie das erste Mal gemeinsam zum Stadtarchiv gefahren. Seitdem kann er nicht mehr genug kriegen von ihren Touren.

„Überraschung!“ ruft Steinmeier und zückt, während er ins Auto steigt, eine lachsfarbene Rose. In der anderen Hand hält er die Autovase, die nach Martinas Auszug in irgendeinem Regal in der Garage verschwunden war. Vorsorglich ist sie bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, dem er ein Päckchen Schnittblumenfrisch beigefügt hat. Plastikblumen sind Steinmeier ein Gräuel. Aufgeregt die Unterlippe vor- und zurückschiebend, steckt er die weiße Porzellanvase in die Metallhalterung, die er damals, kurz vor dem Start in die Flitterwochen angebracht hatte und seit nunmehr zwei Jahren abmontieren will. Gut, dass ich es so gelassen habe, wie es war, frohlockt er, lässt andächtig die Rose zu Wasser und verharrt einen Augenblick.

„Nun. Was machen wir heute Schönes?“ Obwohl er weiß, was geplant ist, schaut er erwartungsvoll nach rechts, zwinkert verschmitzt und schiebt den Schalter auf „ON“. Einen winzigen Moment lang streichelt er über das kühle Display und schließt die Augen. Dann lässt er den Wagen an.

„Nach dreißig Metern links abbiegen. Biegen Sie links ab.“

„Aber sicher“, antwortet er vergnügt. „Und was kommt dann?“

„Folgen Sie dem Verlauf der Straße für achthundert Meter.“

„Okay.“ Steinmeier umklammert das Lenkrad und hält Kurs. Der Tannenduftbaum schaukelt heiter am Rückspiegel.

„Im Kreisverkehr nehmen Sie die zweite Ausfahrt.“

„Ganz genau“, jubelt Steinmeier, „so und nicht anders.“ Schwungvoll fährt er in den Kreisverkehr.

„Nehmen Sie die zweite Ausfahrt.“

Steinmeier kichert, jauchzt, stampft mehrmals mit dem linken Fuß auf und kann sein Glück kaum fassen.

„Dreißiger Zone! Bitte achten Sie auf Ihre Geschwindigkeit.“

Steinmeier schaut auf den Tacho. Sie hat Recht, sie denkt aber auch wirklich an alles.

Ab der Mittagspause fällt es ihm zusehends schwerer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Immer wieder schweift er ab, überlegt sich neue Fahrziele und Umwege. Mit Erstaunen registriert Frau Kubeck, dass er bei Dienstschluss aus dem Büro eilt, ohne ihr einen schönen Feierabend zu wünschen. Das ist in siebzehn Jahren kein einziges Mal vorgekommen.

Seine Schritte werden schneller, je näher er dem Parkplatz kommt. Zitternd steckt er den Schlüssel ins Schloss und hat, kaum dass er hinter dem Lenkrad sitzt, auch schon verkündet, wohin die Reise geht. Es ist ein mild warmer Frühlingstag, der zu Spazierfahrten ins Grüne verführt. Nach kurzer Bedenkzeit gibt Ina das Zeichen zum Start. Der Wagen rollt los und Steinmeier ist sich sicher, dass nichts so behaglich ist, wie hier auf dem anschmiegsamen Polster zu sitzen, geborgen in dem stählernen Gehäuse, das der Sonne entgegenfährt.

„Weißt du, wie die Schweizer sagen, wenn jemand leidenschaftlich gern Auto fährt? Auteln. Wie findest du das? Ich autele, du autelst, er, sie, es autelt, wir auteln, ihr autelt, sie auteln. Ich bin geautelt… Mir gefällt das Wort. Martina hatte nichts übrig für besondere Worte.“

„Nach zweihundert Metern halten Sie sich rechts. Halten Sie sich rechts.“

Steinmeier ordnet sich rechts ein und biegt kurz darauf in die Luisenallee ab. Sonnenstrahlen durchfluten das Wageninnere. Das gleißende Licht blendet, aber Steinmeier ist kein Freund von Sonnenbrillen. Affig, nennt er all die, wie er sagt, Gecken mit ihren dunklen Gläsern und entsprechendem Gehabe. Vielleicht das Radio einschalten, überlegt er kurz, traut sich aber nicht. Die Strecke erscheint ihm auf einmal unendlich lang.

„Was ist los? Sprichst du nicht mehr mit mir? Wir mussten hier abbiegen.“

Funkstille. Unbeirrt hält er Kurs auf den Blauen See, denn dahin soll es gehen. Die Stadt ist in weite Ferne gerückt und zeigt sich im Rückspiegel als diffuse Häuseranordnung wie auf dem Spieltisch einer großflächigen Kindereisenbahn. Die Straße führt heraus aus dem Tal. Zu beiden Seiten auf den Feldern wirbeln Traktoren türhohe Staubwolken hinter sich hoch. Steinmeier nimmt davon kaum Notiz. Sein Blick konzentriert sich Richtung Beifahrersitz. Dort ist nur ein hektisches Flimmern zu sehen. Er wartet ab. Vielleicht jetzt ein wenig Musik, durchfährt es ihn, Klassik-Sender oder lieber etwas Pop? Er kann sich nicht entscheiden.

„Wenden Sie bitte und fahren Sie in entgegengesetzter Rich­tung.“

„Aber wir müssen weiter geradeaus.“

„Nach fünfzig Metern rechts, nach zwanzig Metern links abbie­gen.“

Ein Spaß, denkt Steinmeier, sie macht sich einen Spaß. Na gut. Er schaltet einen Gang zurück und fährt in leichten Kurven über die Mittellinie der Landstraße. Dazu pfeift er das Lied „An der schönen blauen Donau“. Die Bewegung gefällt ihm. Wenn ich Raucher wäre, denkt er, würde ich mir jetzt eine Zigarette anzünden. Er holt aus zu größeren Kurven und trällert laut „Pa-di-da da-dam da-dam da-dam“. Ein rotes Cabrio rast aufgeregt hupend auf ihn zu. Sofort lenkt er ein und zieht sich auf den rechten Fahrstreifen zurück.

„Paradeiser. Weißt du eigentlich, was Paradeiser sind? Tomaten. So nennt man in Österreich Tomaten. Verrückt, findest du nicht?“ Mit übertriebenen Armbewegungen dreht er am Lenkrad, dessen rostroter Überzug ihn seit sechzehn Jahren wirkungsvoll vor schwitzenden Händen und Abrutschen beim Lenken bewahrt, tadellose Verarbeitung mit exakt verlaufender Rundnaht, flexibler Kautschuk-Innenschlauch, einfach überzuziehen.

„Wenden Sie. Zur Stauumfahrung bitte an der nächsten Einmündung rechts abbiegen und weiter geradeaus bis zum Kreisverkehr.“

„Du bist ja albern, Ina.“

„Im Kreisverkehr bitte wenden.“

„Was soll denn das?“

„Es erfolgt eine Richtungsänderung.“

„Wir wollen doch zum Blauen See.“

„Halten Sie sich links, und dann wechseln Sie die Autobahn.“

„Autobahn, oh-hoh, Autobahn, ich hör auf einmal nur Autobahn“, schmettert Steinmeier ausgelassen und bewegt den Oberkörper rhythmisch nach vorn und nach hinten. Ob sie mich nach Genua entführen will, denkt er und klappt den Blendschutz herunter. Vielleicht eine Überraschung?

„Nach sechshundert Metern rechts abbiegen. Biegen Sie rechts ab.“

„Blödsinn“, kontert Steinmeier und macht ein Froschgesicht, ein Froschgesicht auf Fliegenfang. Wolken ziehen am Himmel auf. Ein Kaninchen jagt quer über die Straße. Steinmeier kratzt mit den Zeigefingern an der exakt verlaufende Rundnaht. Die lachsfarbene Rose wippt gleichmütig in der Vase. Ihm scheint, als nicke sie ihm zu.

„Wackeldackel“, sagt Steinmeier.

Inzwischen ist er sich nicht mehr sicher, ob er als Grundeinstellung die kürzeste oder die schnellste Strecke gewählt hat. Egal. Seine Entscheidung steht. Wenn man sich einlässt, kann man nicht so einfach aussteigen. Also weitermachen, nicht aufgeben. Er reißt das Lenkrad nach rechts und biegt in den Waldweg ein. Kaltes Dämmerlicht umgibt ihn, die hohen Tannen rechts und links lassen vom blauen Himmel nur einen schmalen Streifen frei. Mit kaum gedrosselter Geschwindigkeit rumpelt der Wagen über den unebenen Boden, hüpft über Wurzelschlangen, versprengt Schottersteine und lässt das Wasser in den eingefahrenen Furchen fast bis in Höhe der Seitenfenster spritzen. Der Weg scheint endlos. Beiderseits türmen sich frisch geschlagene Baumstämme. Steinmeier schaltet das Fernlicht ein. Ein Schuss hallt aus weiter Ferne. Mocetta, denkt Steinmeier.

 

(Erster Preis beim 10. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2008)

Never forget lesson no. 1
Never forget lesson no. 1