Prosaminiaturen - 2

 

 

Frau Steeck und Herr Leinenweber treffen aufeinander wie eine verfehlte Bot­schaft. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, sagt Frau Steeck. Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt 'ne kleine Wanze, sagt Herr Leinenweber und ist kaum mehr von den Insektenhotels wegzulotsen. Der botanische Garten schließt um 19:00 Uhr. Auf dem Rückweg hätte man in der Pizzeria Diavolo einkehren kön­nen, hätte auf den Straßenbahnschienen nicht dieses Kind gelegen. Ein etwa acht­jähriges leicht geschminktes Mädchen im Sonnenblumenkostüm. Eine Finte, sagt Herr Leinenweber, komm, lass uns wei­tergehen. - Wir können sie doch nicht einfach da so liegen lassen, sagt Frau Steeck und reisst sich los. Die Haut des Kindes ist kalt, in seinem Gesicht ein Lächeln. Frau Steeck legt sich auf den leblosen Körper. Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius, Sophia – wie eine nicht enden wollende Litanei geht es ihr durch den Sinn. Herr Leinenwe­ber kickt eine Kastanie gegen das Halteschild. Er schaut auf die Uhr und geht heim.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0