Prosaminiaturen - 1

 

 

Literarisch verdichten, ohne zu dichten, ergibt Prosaminiaturen.

 

Erstaunlich, dass in der Welt von Kurznachrichtendiensten, Social-Networking, E-Mails und SMS diese Kurzform wenig Resonanzraum - schon gar nicht in Verlagshäusern - findet.

 

Mir gefällt sie - und auch, wie zum Beispiel Adelheid Duvanel oder Ror Wolf sie in je eigener Weise perfektioniert haben.

 

Darum bastele ich weiter an meinen Prosaminiaturen und werde sie in unregelmäßigen Abständen hier (und vielleicht auch andernorts) veröffentlichen.

 

 

Frau Wenck ist eine mutige Whiskeytrinkerin mit dünnen Lippen und dicken Zehennägeln. Noch trinkt sie in dem kleinen Haus, das sie von ihrer Mutter gerbt hat. Bald werden hier andere wohnen, vielleicht ein kinderliebendes Paar, das weder Frau Wenck noch deren Mutter kennt. Auch im Garten steckt Potential. Früher hat Frau Wenck noch Hilfsbedürftigen über die Straße gehol­fen. Jetzt bleibt sie am Fenster stehen und schaut ihnen nur zu. Eine fröhliche Gauklerin sei sie gewesen, sagen Freunde von einst. An die kann sie sich nicht erinnern. Der Wind heult wie ein Kranichzug unter flamingofarbenem Himmel. In der Ferne taucht die Gestalt des Einbeinigen auf, ein stabiler Unhold, dem ein Faustschlag mit der Kraft von 1240 Mäusen nichts anhaben kann. Ihn wird sie fragen.

 

 

 

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